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Predigt von Patriarch Michal Sabbah, Pfingsten 2006
Ein frohes und gesegnetes Pfingstfest.
1. Wir feiern Pfingsten, den Heiligen Geist, der auf die Apostel herabgekommen
ist und der durch sie die Gegenwart Jesu in der Menschheit fortbestehen
lässt. Die Apostel haben den Geist empfangen, wie Jesus es ihnen verheißen
hatte. Sie wurden mit neuem Leben und mit einer neuen Kraft erfüllt. Bevor
sie den Geist empfingen, hatten sie Angst; sie hatten nicht alles verstanden,
was Jesus ihnen gesagt hatte. In der Tat fragen sie ihn noch in den letzten
Tagen vor der Himmelfahrt, wann Israel das Königtum zurückgegeben werde.
Mit dem Geist nun verstehen sie, welchen Königtums Bürger und Verkünder
sie geworden sind. Es ist kein irdisches Königtum mehr, so wie Jesus es
vor Pilatus gesagt hatte: "Mein Königtum ist nicht von dieser Welt."
Es ist das Königtum Gottes auf der Erde, unter allen Völkern der Erde.
Sie gehören nicht mehr einer Erde oder einer Sprache an, nicht einmal
mehr einer Nation. Von nun an gehören sie Gott und seinem Heilswerk an.
2. Nach ihnen sind wir alle fähig geworden, den Geist zu empfangen, dessen
"Trachten zu Leben und Frieden führt", wie es der heilige Paulus
in der ersten Lesung aus dem Römerbrief (Röm 8,5-27) sagt, die wir eben
gehört haben. Der Geist Gottes wohnt auch in uns. Und deswegen verdienen
wir, Kinder Gottes genannt zu werden: "Alle, die sich vom Geist Gottes
leiten lassen, " sagt Paulus, "sind Söhne Gottes". Wir
haben von nun an, durch unsere Taufe und Firmung, den Geist in uns, der
"unserem Geist bezeugt, dass wir Kinder Gottes sind. Kinder und folglich
auch Erben Gottes und Miterben Christi". Auch wir gehören, wie die
Apostel, nicht mehr zu einem einzelnen Volk und zu einem einzelnen Land.
Wie sie gehören auch wir Gott und seinem Heilswerk an. Unsere Sehnsüchte
und Hoffnungen sind nicht länger nur mit einem einzelnen Volk und einem
einzelnen Königtum verbunden. Von nun an, erfüllt vom Heiligen Geist,
sind unsere Freuden und Leiden die Freuden und Leiden einer jeden menschlichen
Person.
3. Wir feiern heute auch das 100jährige Bestehen dieser Benediktinerabtei
auf dem Berg Zion, die uns heute hier aufgenommen hat, um den Geist zu
empfangen, und die 100 Jahre hindurch mit ihren Gebeten dieses Ereignis
und Geheimnis mit Leben erfüllt hat, das wir verehren. Hier geschah es,
dass der Heilige Geist auf die Apostel herabkam. Hier haben die Mönche,
die vor 100 Jahren hergekommen sind, das Gebet der Apostel weitergeführt,
wie auch ihr Zeugnis für die Auferstehung und die Gegenwart des Geistes
in dieser Stadt, in der die Menschen, statt die Stimme Gottes zu hören
und den Geist des Lebens und des Friedens aufzunehmen, weiter den Kräften
des Todes in sich folgen. Für einige in dieser Stadt des Pfingstereignisses
kann sich ihr Leben leider bis heute nicht anders gestalten als durch
den Tod und den Ausschluss der anderen. Im Angesicht dieses Dramas haben
die Mönche hier gebetet, haben das Gebet von Generationen von Christen
an diesem Ort wieder aufgenommen und beten noch heute darum, dass auch
die Bewohner dieser Stadt, aus allen Nationen und ein jeder in seiner
Sprache, von den Wundertaten des Herrn hören und sich vom Geist Gottes
erfüllen lassen kann, der Freiheit und Befreiung für alle ist, wie der
heilige Paulus sagt: "Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch
zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet";
sondern einen Geist, in dem und durch den ihr alle euch als Kinder des
selben Vaters erkennt, der im Himmel ist, und durch den ihr alle die Kraft
erhalten habt, euch an denselben Vater zu wenden und zu ihm zu sagen:
Abba, Vater.
Wir sind den Benediktinermönchen auf dem Zion heute dankbar für ihr Gebet
und für ihr Zeugnis für das Leben und den Geist in der ganzen Kirche von
Jerusalem und gegenüber allen, die den Krieg und den Tod in ihrem Herzen
tragen. Dieses Kloster war im übrigen unmittelbar vom Feuer des Krieges
betroffen, grenzte lange Zeit an ein "Niemandsland" und kennzeichnete
so die Trennung und Feindschaft, bevor es sich auf dem Gipfel und im Herzen
der Stadt wiederfand, ihrer Gebete und ihrer stolpernden Schritte in Richtung
Gerechtigkeit und Frieden.
4. An jeden Pfingstfest beten wir, der Heilige Geist möge das Angesicht
unserer Erde und unserer Gesellschaft erneuern, er möge unsere Herzen
erneuern, sie der Wahrheit und der Einheit fähig machen, die sich auf
die gleiche Würde aller Menschen gründet, in einem Land, das vom Geheimnis
Gottes und zugleich vom Konflikt zwischen den Menschen beherrscht ist.
In diesem Land der Erlösung und der Versöhnung Gottes mit den Menschen
leben wir in einer andauernden Situation der Ungerechtigkeit, die dem
Unterdrückten gleichermaßen wie jenem den Tod bringt, der die Ungerechtigkeit
verübt und glauben könnte, indem er die Ungerechtigkeit aufrecht erhielte,
brächte er Gott ein Opfer dar. Pfingsten sagt uns, dass wir uns nicht
darauf beschränken dürfen, Tod und Ungerechtigkeit zu sehen und sie weiter
mit Schweigen oder Gleichgültigkeit zu betrachten. Es gibt in diesem Land,
in dieser heiligen Stadt eine politische Ungerechtigkeit, die ein Ende
haben muss, eine Ungerechtigkeit, die weitere Ungerechtigkeiten hervorbringt
und die menschliche Person in einen Kreislauf der Gewalt und der Unmenschlichkeit
führt, trotz aller gewandten und rechtfertigenden Darstellungen der verschiedenen
Seiten, trotz der wahrhaftigen und gerechtfertigten Wünsche aller Seiten
nach Sicherheit, Rückkehr der Freiheit und Ende der Besatzung. Damit dieses
Land zur Ruhe kommt und wieder zum Land der Erlösung wird, damit die internationale
Gemeinschaft zur Ruhe kommen und zur Sicherheit gelangen kann, müssen
wir, die Glaubenden, uns vom Geist Gottes erfüllen lassen, nicht aber,
dem Geist Widerstand zu leisten, indem wir es vorziehen, zu schweigen
oder uns über die Menschen in dem Übel des Konflikts zu beklagen, den
sie austragen.
5. Die Apostel verharrten im Gebet. Sie hatten Angst vor ihren Mitbürgern
und Glaubensgenossen. Sie waren einem "Neuerer" gefolgt. Gemeinsam
mit der Jungfrau Maria und in der Gegenwart Gottes hatten sie Zuflucht
vor der Verfolgung der Menschen gesucht. Der Heilige Geist kam in der
Gestalt von Feuerzungen auf sie herab. "Alle wurden mit dem Heiligen
Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist
ihnen eingab."
"In Jerusalem aber", sagt die Apostelgeschichte, "wohnten
fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel… Sie sagten: Wir hören
sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden."
Heute noch gibt es in Jerusalem fromme Menschen aus allen Nationen und
verschiedenen Religionen, Männer und Frauen, die ebenso aus dem Geist
leben und mit ihren Gebeten dem Übel jener zuvorkommen, die den Kampf
gegen den Geist und gegen den Menschen führen. Fromme Menschen, die die
Kirche von Jerusalem, die verschiedenen Kirchen von Jerusalem die großen
Taten Gottes verkünden hören wollen, von der Gerechtigkeit und der Gleichheit
aller in diesem Land, vor Gott und vor den Menschen.
Auch heute noch spricht die Kirche von Jerusalem in ihrer Vielfalt verschiedene
Sprachen und trägt verschiedene Mentalitäten. Diese Vielfalt bedarf, vom
Geist erfüllt zu werden, damit sie nicht zum Ausdruck von Interessen,
Egoismen und menschlichen Standpunkten wird. Sie bedarf des Geistes von
Pfingsten, damit sie in ihren verschiedenen Sprachen und Mentalitäten
einzig und allein, auch heute noch, "die großen Taten Gottes"
erzählen kann.
Schwestern und Brüder, wir beten heute morgen darum, dass der Geist uns
erfüllen möge, wie er die Apostel erfüllt hat, dass wir wie sie dem Geist
gehorchen und dass wir wie sie unsere verschiedenen Sprachen und Kulturen
in einen einzigen Gesang zu verwandeln vermögen, der die großen Taten
Gottes sehen und hören lässt, und dass unser Wort für alle eine Quelle
der Freude sei und der Fähigkeit, den Geist Gottes aufzunehmen. Amen.
(übersetzt aus dem Englischen)
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