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"Das Licht Jerusalems: das Licht des Friedens und das Licht der Versöhnung"
Predigt von Abt Benedikt am 28. August 2004
Am Am 28. August trafen sich in der Marienbasilika auf
dem Zion Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen, um im Rahmen
des zweiwöchigen ökumenischen Friedensgebetes auch am Ort von
Abendmahl, Ostererscheinungen, Pfingsten und dem Tod Mariens für
den Frieden zu beten. Die Predigt wurde im Rahmen dieses Gottesdienstes in Englisch
gehalten.
Verehrte Exzellenzen, liebe Schwestern und Brüder,
Sie alle kennen solche Öllämpchen, wie ich hier eines in der
Hand habe. Zu Tausenden kann man diese Lampen hier in der Stadt finden:
neue und wirklich alte, zerbrochene und ganze. Und sie alle sind so treffende
Symbole für Jerusalem und für die Geschichte der Menschen Jerusalems
mit Gott, unserem allmächtigen Vater, der diese Heilige Stadt als
Seine eigene Stadt erwählt hat. Immer und immer wieder gab Er Seinem
Volk Heil und Erlösung, wie eine solche Lampe Licht gibt in einer
dunklen und einsamen Nacht
Aber: Immer und immer wieder hatten die Frauen und Männer, die Kinder
und die Greise von Jerusalem und im ganzen Heiligen Land unter Krieg und
Terror, Zerstörung und Gewalt zu leiden. Ihre Häuser wurden
niedergebrannt und zerstört, ihre Lieben wurden verletzt oder gar
getötet
Ihr Leben wurde sinnlos, es zerbrach
wie die
Scherben solcher Lampen
Und so wurde es immer und immer wieder dunkel
in der Heiligen Stadt Jerusalem und man nannte sie die Verlassene'.
Voller Sorgen und tiefer Trauer klagt der Prophet über Gottes Heilige
Stadt: "Wie liegt so öde die Stadt, einst so reich an Bewohnern.
[
] Die ganze Nacht verbringt sie mit Weinen, über ihre Wangen
rinnen die Tränen." (Klgl 1,1.2) Diese Klagen des Jeremia, die
wir zu Beginn unseres Gottesdienstes gehört haben, sind vor mehr
als zweieinhalb Tausend Jahren geschrieben worden, aber sie hätten
immer und immer wieder gesungen werden können, wenn es dunkel und
kalt in Jerusalem wurde: Als König Nebukadnezzar mit seiner Armee
kam, die Stadt zerstörte, viele ihrer Bürger tötete oder
sie verschleppen ließ; als die Römer den Jüdischen Aufstand
niederschlugen; als muslimische Truppen die Stadt eroberten; als die christlichen
Kreuzfahrer nach Jerusalem kamen und die Stadt im Blut Unschuldiger ertränkten
im Blut von Juden, Muslimen und Christen; als israelische und arabisch-palästinensische
Soldaten in den Straßen von Jerusalem-Al Quds kämpften
"Die ganze Nacht verbringt sie mit Weinen, über ihre Wangen
rinnen die Tränen."
Schwestern und Brüder, ich glaube, dass es für uns als Christen
hier in Jerusalem eine ausgesprochen verantwortungsvolle Aufgabe ist,
zu trauern und zu weinen: mit den Unterdrückten und den Verwundeten,
mit den Trauernden, den Hungrigen und allen, die leiden, überall
auf der Welt und besonders in diesem Heiligen Land. Wir sollten trauern
und weinen wie Jesus es den Frauen an Seinem Kreuzweg auftrug: "Ihr
Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch
und eure Kinder!" (Lk 23,28). Es ist unsere Aufgabe zu weinen, weil
die Kirche von Jerusalem immer die Kirche unter dem Kreuz bleiben wird,
wie der Lateinische Patriarch, Michel Sabah, es formuliert. Wir müssen
weinen und wir dürfen weinen, weil Gott selbst für uns gelitten
hat, hier in dieser Heiligen Stadt Jerusalem.
Wir müssen weinen für all die, dies es nicht mehr können:
für die, deren Stimme zerbrochen ist, für die, deren Augen trocken
und dunkel sind. Aber weil unser Herr Jesus Christus hinunter gestiegen
ist in die tiefste Einsamkeit und Dunkelheit und sie erleuchtet hat, sind
auch wir aufgerufen, das Licht zu denen zu bringen, die in Einsamkeit
und Finsternis sitzen. Wir müssen ihnen das Licht des Friedens und
der Versöhnung bringen, das die Engel über Betlehems Feldern
besingen: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen
auf Erden!" (vgl. Lk 2,14). Friede den Menschen auf Erden, weil der
Herr Seine Schöpfung liebt. Er liebt die Menschen, Er liebt Dich
und Mich
Deswegen wurde das Wort Fleisch und kam als Kind zur Welt,
wie eine kleine Blume in einer Winternacht, so wie es das deutsche Weihnachtslied
Es ist ein Ros' entsprungen' erzählt: "Das Blümelein
so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine
vertreibt's die Finsternis."
Ja, es gibt ihn, diesen Weg durch die Finsternis, sogar aus der Finsternis
heraus, einen Weg zum Frieden. Und er beginnt hier in der Heiligen Stadt
Jerusalem, heilige Stadt für uns als Christen ebenso wie für
Juden und Muslime. Dieser Weg beginnt hier in Jerusalem, von dem Psalm
87 sagt, sie sei Gottes liebste Gründung: "Herrliches sagt man
von dir, du Stadt unseres Gottes!" (Ps 87,3). Der Psalm führt
alle die kleinen und großen Nachbarvölker des alten Israel
an und sagt von ihnen, dass sie alle diese kleine Stadt Jerusalem im Judäischen
Bergland kennen. Mehr noch, von Zion solle gelten: "Dort ist ein
jeder gebürtig! Der Höchste selbst ist es, der dieser Stadt
Bestand gibt. Der Herr schreibt im Verzeichnis der Völker: Auch dieser
ist dort gebürtig!" (Ps 87,5.6)
Jerusalem also ist wie eine Mutter aller Menschen und Völker, sogar
unserer Feinden und dener, die wir für unsere Feinde halten. Und
wir hier stehen vor der Ehre und der Herausforderung, in dieser Stadt
mit all jenen zusammenzuleben, die hier geboren sind, mit Freunden und
Feinden. Natürlich, es scheint da keinen großen Unterschied
zu geben zu irgendeinem anderen Ort der Welt. Überall auf der Welt
muss ich mit Freunden und Feinden zusammenleben. Aber im Hinblick auf
unsere Heilige Stadt Jerusalem fordert uns der Prophet Jesaja auf, dem
Herrn keine Ruhe zu lassen, bis Er Jerusalem wieder hergestellt und die
Stadt in der ganzen Welt berühmt gemacht hat (vgl. Jes 62,7). Und
ich glaube, diese Aufforderung des Jesaja gilt für alle drei Religionen
in dieser Heiligen Stadt: für Juden nicht weniger als für Muslime
und ebenso für uns Christen.
Und wenn wir Christen, Juden und Muslime mit den Traurigen und den Leidenden
weinen und in ihre Dunkelheit das Licht bringen, dann mag die Botschaft
des Propheten Sacharja für alle drei, für Muslime, Christen
und Juden gelten: "So spricht der Herr der Heere: In jenen Tagen
werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus
Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit
euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch" (Sach
8,23).
Lassen Sie uns also das Licht von Jerusalem nehmen, das Licht des Friedens
und der Versöhnung! Seien wir Seine Zeugen, nicht nur in Jerusalem,
sondern durch das ganze Heilige Land hindurch und bis zu den fernsten
Enden der Erde (vgl. Apg 1,8), um Gott in der Höhe die Ehre zu geben
und Friede Seinen Menschen auf Erden
Amen.
+ Abt Benedikt Lindemann OSB
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