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21. Rundbrief - Januar 2002

Nachrichten aus Tabgha

"Die Liebe Gottes ist ein Licht ohne Ende."

Mit diesem einfachen und durchdringend klaren Wort, das ich neulich las, grüße ich Sie zum Neuen Jahr 2002 aus unserem Benediktinerkloster Tabgha. Gerade jetzt ist es wichtig, sich dieser tiefen Wahrheit zu erinnern. Möge sie für die leidtragenden Menschen hier im Heiligen Land zum Trost und zur Zuversicht werden: "Die Liebe Gottes ist ein Licht ohne Ende!"
Alles, was dagegen spricht, ist in Mißtrauen und Angst begründet. So können die vielen redlichen und weniger redlichen Bemühungen um Frieden im Heiligen Land nur fehlschlagen, da sie ihre Wurzeln in der Angst haben. Der Urantrieb in unserem Leben bleibt aber die Liebe, und der wahre Friede ist bereits eine Frucht, die aus ihr erwächst. Daran muß ich in der letzten Zeit immer wieder denken, wenn die politische Situation hier im Land so ausweglos erscheint und die verschiedenen Parteiungen wie in einer Sackgasse feststecken. Ob allerdings die Talsohle schon erreicht ist, die zur Besinnung führen kann, ist im Moment noch nicht abzusehen. Bislang ist es immer wieder ein Hoffen bis zum nächsten Schlag. Ältere Menschen, die schon viel in Israel erlebt und durchlebt haben, sagen, daß die Krise noch nie so tiefgreifend und anhaltend war wie in dieser Zeit. Das so oft gebrauchte, mißbrauchte und verunreinigte Wort "Friede" bedarf einer Neubesinnung und Auffrischung aus der Liebe. An Weihnachten lernen wir jedes Jahr aufs Neue, daß Liebe im Kleinen und meistens nicht nach unseren Vorstellungen beginnt.
Nachdem ich nun beinahe ein Jahr in Tabgha bin, erzähle ich Ihnen von kleinen Neuanfängen hier vor Ort: Zunächst ist es der Regen, der vom Himmel fällt. In den Tagen des beginnenden Advent regnete es in unserer Senke unten am See bereits mehr als im gesamten letzten Jahr. Zum ersten Mal habe ich es erfahren, nachts vor Freude wach zu werden vom herniederklatschenden Wasser, das auf die Dächer und in die Bäume rauscht. Immerhin ist der See Genesareth (das Wasserreservoir für ganz Israel und Palästina) bereits 20 cm von den notwendigen 600 cm gestiegen! Man muß dazu sagen, daß vor einigen Monaten selbst unsere ortseigene Trinkwasser-Quelle versiegt ist, so daß wir zum ersten Mal in der Geschichte von Tabgha an das öffentliche Wassernetz der Regierung angeschlossen werden mußten. Natürlich hat es noch zu wenig geregnet - und doch ist es ein Anfang, und Galiläa ist mittlerweile schon grün wie im Frühling.
Ein Weiteres ist für mich ein Neuanfang: 2001 ist sowohl die Gemeinschaft der philippinischen Benediktinerinnen als auch unsere Gemeinschaft vor Ort gewachsen: Am Fest Fronleichnam ist P. Elias aus Jerusalem zu uns gekommen und am Fest Mariä Himmelfahrt Br. Josef. So sind wir nun hier - zusammen mit unserem "Patriarchen" P. Hieronymus, der bereits seit über 50 Jahren hier lebt und vieles geschaffen hat - eine kleine Gemeinschaft von vier Mönchen, die alle zur Abtei Hagia Maria Sion in Jerusalem gehören. Und wie es sich zeigt, ergänzen wir uns gut: Ein Kommunitätsleben hat begonnen.
Die Gemeinschaft der philippinischen Schwestern ist auf 8 Schwestern angewachsen. Mit 5 Mitschwestern teilen wir uns die Arbeit hier im Kloster; zwei weitere arbeiten im neuen Pilgerhaus des Deutschen Vereins vom Heiligen Land - einer wunderschönen Anlage am Ort der alten Kare Deshe unten am See. Es war schön, Ende November 2001 die Vorstandsmitglieder dieses Deutschen Vereins vom Heiligen Land und einige Vertreter der deutschen Diözesen hier vor Ort begrüssen zu können. Vor der geplanten offiziellen Eröffnung im Frühjahr waren sie zu einer kleinen inoffiziellen "Vor-Eröffnung" angereist.
Wenn der Pilgerbetrieb im dortigen Haus mit 130 Betten einmal in Gang kommen kann, wird das Leben in Tabgha neben unserem klostereigenen Gästebereich und der Begegnungsstätte um eine weitere Facette bereichert.
Unsere Aufgaben in den Öffentlichkeitsbereichen Office (unser Pilger-Büro), Kirche, Gästehaus, Laden sind inzwischen wie folgt aufgeteilt: Die Arbeit im Office teilen sich Br. Josef und Sr. Andrea; im Gästehaus P. Elias, Sr. Leah und Sr. Audrey; in der Sakristei Sr. Clothilde und Br. Josef und im Laden P. Elias, ein israelischer Angestellter kanadischer Herkunft, und Sr. Andrea. Unserem langjährigen israelischen Mitarbeiter Michael Schwanenberg im Laden mußten wir leider kündigen; ebenso Israel, unserem Gärtner, der aus Rußland eingewandert ist. Die wirtschaftliche Lage hat uns leider zu diesem Schritt gezwungen. Unsere beiden arabischen Angestellten Khalil in der Hausmeisterei und Ibrahim in der Küche versuchen wir in jedem Fall weiterhin zu halten, dank der Hilfe zahlreicher Spender!

Im Sommer haben bei uns drei neue Zivildienstleistende, Christian Pongratz aus Aachen, Dirk Zeppenfeld aus Düsseldorf und Tobias Lang aus Ainring, ihren Dienst begonnen, und Matthias Vetter aus Sommerach als Volontär. Zum Beginn des neuen Jahres ist noch Georg Steidle aus Pfaffenweiler am Bodensee als vierter Zivi dazugekommen. Sie sind uns auf der Begegnungsstätte und bei Renovierungsarbeiten im Kloster eine große Hilfe. Zur weiteren Entwicklung in unserer Jugend- und Behinderten-Begegnungsstätte werden unsere Leiter Karin und Meinrad Bauer gesondert berichten.
Mit zwölf ansässigen Benediktinerinnen und Benediktinern sind wir nun in verstärkter Kraft zur Feier der Liturgie und des Stundengebetes da. Mit seiner sicheren Singstimme leitet uns Br. Josef ruhig durch den Psalter. Die Laudes am Morgen haben wir eine Stunde vorgezogen auf 5.30 h. Schwestern und Brüder singen zeitgleich auf ihre je eigene Weise in ihren Konventen. Nach einer stillen Stunde zur persönlichen Betrachtung und zum Gebet treffen wir uns um 7.00 h zur gemeinsamen Eucharistiefeier in unserer Brotvermehrungskirche; wie gewohnt in den beiden Sprachen Deutsch und Englisch. Über mehrere Wochen im Herbst feierten sechs Franziskanerinnen vom Berg der Seligpreisungen und ein Franziskaner von der Primatskirche unten am See regelmäßig die Liturgie mit uns, da bei ihnen der einzige Priester ausgefallen war. Hier ist im gemeinsamen Gebet eine wohltuende Nachbarschaft entstanden. Am zweiten Weihnachtsfeiertag trafen wir uns alle zur gemeinsamen Eucharistiefeier und blieben noch zu einem ausgiebigen Frühstück zusammen. Die Franziskaner aus Tiberias sowie Mitarbeiter des benachbarten Pilgerhauses kamen hinzu. Eine Kehrseite der Krisenlage des Landes ist die Herausforderung und Chance, daß die Christen vor Ort, die häufig nebeneinanderher lebten, mehr zusammenrücken und im gemeinsamen Auftrag wacher füreinander werden.
Der inzwischen entstandene Kontakt zur palästinensischen Ortskirche fand einen sehr schönen Ausdruck im Besuch unseres Bischofs, Msgr. Giacinto-Boulos Marcuzzo aus Nazareth. Er ist Vikar des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem. Zum Hochfest Christkönig, dem Kongregationsfest unserer philippinischen Mitschwestern, stand er der Liturgie vor und hielt uns die Festpredigt. Die Seminaristen des Lateinischen Patriarchats waren in dieser Zeit in Galiläa und konnten mit uns feiern. Ihr Priesterseminar in Beit Jala liegt im kriegerischen Konfliktfeld zwischen Jerusalem und Betlehem. Vor einem Jahr hatte ich die Seminaristen zum ersten Mal kennengelernt. Ihre veränderten Gesichter zeigten uns heute, was sie im Laufe des vergangenen Jahres ausgehalten und durchgemacht haben.
Unser Gegenbesuch bei Bischof Marcuzzo in Nazareth machte sein herzliches Interesse an jedem Einzelnen von uns sehr deutlich, ebenso an den Ordensgemeinschaften insgesamt in ihrer Aufgabe der betenden Präsenz im Heiligen Land. Darin sehen wir ebenso unsere Hauptaufgabe: daß Tabgha ein Ort des Gebetes bleibt. P. Hieronymus, von Bischof Marcuzzo sehr geschätzt, wurde eine Ehren-Medaille aus Nazareth verliehen, die bisher - wie der Bischof beteuerte - nur Kardinäle und hochrangige Politiker erhalten hatten. Sie steht als Zeichen des Dankes für sein vitales Engagement für die Kirche in Galiläa, insbesonders für den Einsatz in der Zeit der Enteignung deutscher Güter zwischen 1948 und 1952, in der P. Hieronymus durch seine "unnachgiebige Präsenz" Tabgha gerettet hat. Immer wieder wird spürbar, wie sehr er in der Umgebung, bei den Ordensgemeinschaften sowie auf den staatlichen Behörden, von früher her bekannt ist. Wir Jüngeren hören dann, wie in Hochachtung und aus guter Erinnerung von ihm gesprochen wird - von "Jerome", "Girolamo" oder häufig auch von "Peter", entsprechend seinem bürgerlichen Namen.
Am 15. September feierten wir vorgezogen das Goldene Profeßjubiläum von Sr. Maternidad, einer betagten philippinischen Mitschwester, die für einige Monate zu Besuch bei uns war. Sie wollte ihr großes Fest gerne hier in Tabgha begehen, bevor sie, begleitet von ihrer Generaloberin Sr. Miriam, wieder zurück auf die Philippinen flog. Sr. Miriam war zur Visitation ihrer Schwestern für drei Wochen bei uns gewesen.
Es ist bekannt, daß es seit Beginn der Intifada im Oktober 2000 zum Einbruch unserer Pilger- und Gästesituation gekommen ist. Sie bringt uns, wie alle Häuser im Land, die hieraus ihre finanziellen Grundlagen schöpften, zunehmend in eine wirtschaftliche Schlinge. Doch die Kehrseite zeigt, daß es zu einem Zusammenrücken führen kann, bei dem die geistliche Kraft wächst. In allem ist doch erfreulich, daß unser Beit Noah, das Haus unserer Begegnungsstätte für israelische und arabische Behinderte, trotz Krisenzeit nur 25 % Einbuße in der Belegung erfahren hat. Gut, daß sie kommen können; denn in Krisenzeiten können leicht diejenigen vergessen werden, die eh schon am Rand stehen und Hilfe brauchen. Überhaupt wird unser Ort in letzter Zeit mehr von Einheimischen aufgesucht. Es ist erfreulich zu beobachten, daß vereinzelte junge israelische und arabische Familien zu uns finden, die für eine Nacht oder für ein Wochenende bei uns einkehren. Wie in anderen Klöstern im Land, so zeigt es sich auch bei uns, daß am Shabbat viele Juden aus spürbarem Interesse in unsere Kirche kommen. Palästinensische Christen kommen in der Regel am Sonntag. Man merkt, daß die Menschen in der jetzigen Situation ihres Landes vermehrt suchen und beten. Auch hier wird uns die betende Präsenz als unsere vorrangige Aufgabe bewußt. Ebenso kommen zunehmend Ordensleute aus dem Land, um sich in Tabgha zu erholen oder Exerzitien zu machen und an den Stundengebeten teilzunehmen. Es ist auffallend, daß die durchs Land reisenden Pilgergruppen, die u.a. auch unsere Brotvermehrungskirche besuchen, fast ausschließlich aus ärmeren Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas kommen.
Wir selber erlebten die letzte Woche des alten Kirchenjahres gemeinsam mit unseren philippinischen Mitschwestern als eine Exerzitienwoche. Es nahmen daran teil Pfr. Ludger Bornemann, der über fünf Jahre den Alltag in Tabgha tatkräftig unterstützt hat und nun Geistlicher Leiter im neuen Pilgerhaus in der Nachbarschaft geworden ist, sowie das Ehepaar Karin und Meinrad Bauer und unsere Zivildienstleistenden. Die Woche diente als Vorbereitung auf den Advent. Thema: "Den Frieden suchen" in der benediktinischen Spiritualität und in den biblischen Botschaften, die mit unserem konkreten Ort hier verbunden sind. Es waren Tage des Innehaltens und des Gebetes für uns alle, die es uns ermöglichten, das uns gewohnte alltägliche Tabgha auch einmal als "Pilger" erfahren zu können. Es ist wirklich ein Geschenk, hier leben zu dürfen!
Am 14. Dezember 2001, dem Festtag des großen spanischen Mystikers und Heiligen Johannes vom Kreuz, hatten wir die Anregung unseres Papstes Johannes Paul II. aufgegriffen, in Solidarität mit den Muslimen am Ende ihres Ramadan zu fasten und zu beten. Zu unserer Friedensvesper stießen die franziskanischen Gemeinschaften aus der Umgebung hinzu sowie 20 deutschsprachige Volontärinnen und Volontäre, die z.Zt. ihre freiwilligen Dienste in israelischen sozialen Einrichtungen tun, und die wir zu einem Wochenende nach Tabgha eingeladen hatten.
Diese kurzen Streiflichter aus dem Alltag in Tabgha mögen zeigen, daß wir hier im Norden Israels verhältnismäßig weit weg sind von den unmittelbaren kriegerischen Auseinandersetzungen im Land. Durch Berichte von Gästen aus Betlehem, von der Westbank und durch eigene regelmäßige Fahrten durch den Jordangraben nach Jerusalem, mittlerweile von acht kleineren und größeren Check-Points des israelischen Militärs unterbrochen, übersehen wir jedoch nicht, daß wir immer noch ein sehr ruhiger Flecken im angespannten Umfeld sind.
Die Liebe Gottes, die uns Menschen unterschiedlicher Herkunft annähern und versöhnen könnte, ist derzeit schwer überschattet durch Krieg und Gewalt (nicht nur) im Heiligen Land. Ohne das Wagnis, den wirklichen Hintergründen in die Augen zu schauen und vor allem dem wahren Frieden aus Gott zuinnerst auf die Spur zu kommen, wird dieses Land (und die Welt) in Zukunft noch mehr in Gewalt und Gegen-Gewalt versinken.
Es bedarf einer neu aufkeimenden Bereitschaft zur Umkehr und zur Versöhnung, zur Barmherzigkeit und zur Liebe Gottes - und wieder und wieder zu Seiner Liebe. In Jesus Christus ist sie uns bleibend gegenwärtig, und ihr Aufblühen beginnt im Kleinen. In vertrauensvoller und betender Verbundenheit wünsche ich Ihnen auch im Namen meiner Mitbrüder, unserer philippinischen Mitschwestern und unserer Mitarbeiter, die den Alltag hier mit uns teilen, Gottes Segen und Sein spürbares Weggeleit durch das Neue Jahr 2002!

Mit einem herzlichen Dank für Ihre solidarische Unterstützung und Hilfe verbleibe ich Ihr

      P. Jeremias Marseille OSB