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22. Rundbrief - September 2002
Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte
"Was, Ihr seid ausgebucht? Gibt es wirklich keinen Platz mehr in einem der Zelte?", mit dieser Reaktion am Telefon oder vor dem Pilgeroffice sind wir derzeit immer wieder konfrontiert, vor allem wenn deutsche Gäste darauf hoffen, ganz spontan untergebracht werden zu können. Auch wenn uns jede Absage leid tut und die Warteliste für einheimische Familien, die in den Ferienmonaten zu uns kommen möchten, immer länger wird, so sind wir doch dankbar, dass wir seit Juni bis in den September hinein mit unseren 70 Betten fast völlig ausgebucht sind. Im Juli hatten wir allein über 1500 Übernachtungen auf der Begegnungsstätte, dazu kamen viele Tagesgäste und weitere Übernachtungen im Gästehaus des Klosters. Wir staunen selbst, welchen Schwankungen die Belegung unterliegen kann. Die ersten Monate des Jahres waren vergleichsweise schwach, und das lag natürlich an der andauernden Eskalation in Israel mit verheerenden Selbstmordattentaten auf der einen Seite und dem harten Vorgehen der Israelis gegen die Palästinenser auf der anderen Seite. Aber auch die Wetterverhältnisse überraschten uns in diesem Jahr. Es gab bis in den späten April hinein immer wieder Regentage, so dass wir die Zelte erst Anfang Mai aufbauen konnten.
Jetzt, in diesen heißen Augusttagen, wo Europa so sehr unter den Überschwemmungen zu leiden hat, gab es selbst hier in Galiläa kurze kräftige Regenschauer. Vielleicht mag der Hinweis auf das Wetter unbedeutend erscheinen, aber so kurios es klingt: Die Wetterkapriolen oder das Großereignis der Fußballweltmeisterschaft ermöglicht es den Menschen, einmal über etwas anderes zu reden als über Politik und die Situation im Lande. So spielten wir mit den Schülern und Lehrern der Al-Amal-Behindertenschule aus Ostjerusalem Ende Mai allabendlich Fußball auf unserem Parkplatz. Anfang Juni gab es eine kleine Premiere in Tabgha: Die Al-Amal-Schule hatte ein professionelles Theater eingeladen, um ihren Behinderten am Beit Benedict eine besondere Freude machen zu können. Ende Juni verwandelten sich die Behinderten des Hospice St. Paul in eine bunte Gesellschaft, um eine Hochzeit nachzuspielen.
So wechseln sich Sozialinstitutionen, Familien, einheimische Gruppen, aber auch viele deutsche Volontäre, Studenten und Einzelreisende immer wieder ab. Sie verändern jede Woche neu das Gesicht von Tabgha. Viele Einladungen geben uns Gelegenheit zu Gesprächen und Begegnungen, die uns Einblick geben in die Alltagswelt der Menschen, die unter Ausgangssperre und Arbeitslosigkeit zu leiden haben. Auch bedrückt sie die Sorge, dass Angehörige in ein Attentat hineingeraten könnten. Wir begegnen aber auch Menschen, denen das Schicksal der jeweils anderen Seite nicht gleichgültig ist. Neu war für uns die Erfahrung, dass auch jüdische Gäste davon sprachen, hier in Tabgha würden sie sich sicher fühlen. Bislang erzählten uns das nur die arabischen Gäste.
Jüdische Sozialeinrichtungen mussten anfragen, ob es möglich sei, bewaffnete Begleiter mitzuschicken, da die Auflagen für die Genehmigung von Freizeiten so streng geworden seien. Interessant war für uns auch die Schilderung einer Mitarbeiterin einer jüdischen Einrichtung in Jerusalem, die darum kämpfen musste, für die Fahrt nach Tabgha einen Zuschuss zu erhalten. "Warum geht ihr nicht in ein Hotel am See? Da gibt es klimatisierte Räume, Vollverpflegung und vielleicht ein Animationsprogramm." Und dann erzählte sie, wie Tabgha genau den Rahmen ermöglichen würde, der den Behinderten am ehesten gerecht wird. Durch das gemeinsame Kochen, die Putz- und Aufräumarbeiten, würden sie selbst zum Gelingen der Freizeit beitragen können und daraus eine wichtige Selbstbestätigung erfahren. Eine Frau, die seit Monaten physiotherapeuthische Anwendungen im Schwimmbad erhalte, könne nun in unserem Pool zum ersten Mal die Übungen selbst ausprobieren.
So sind wir nach 2 1/2 Jahren Arbeit in Tabgha immer noch bewegt, wenn z.B. eine jüdische Familie, die zum ersten Mal hier zu Gast ist, versucht, ihre Eindrücke in Worte zu fassen: "Das hier ist ein ganz ungewöhnlicher, ein ganz spezieller Ort." Es lässt sich nicht genau in Worte fassen, und es lässt sich nicht beschreiben. Aber diese Atmosphäre, dieser Zauber des Ortes ist spürbar, ist ein Geschenk, das damit zu tun hat, dass sich hier ein Stück Evangeliengeschichte zugetragen hat, die sogar im Koran erwähnt wird. So blicken wir trotz aller äußeren Schwierigkeiten, unter denen das ganze Land furchtbar leidet, dankbar auf die vergangenen Monate zurück.
Dankbar sind wir auch für alle Behütung, die wir immer wieder erfahren durften. Dieser Tage erst sind schwere Äste von den Eukalyptusbäumen auf den Spielbereich gefallen, die zum Glück niemand getroffen haben.
Eine Zivigeneration, die viel durch das Land gereist war, befindet sich gerade auf der Rückreise nach Deutschland. Drei neue Zivis bilden nun mit Georg Steidle aus Owingen seit Juli/August das neue 4-er Team: Markus Scholze aus Wittichenau, Michael Hofmann aus Dipbach und Christoph Hohmann aus Rotalben.
So möchten wir Ihnen herzlich danken für Ihr Gebet, Ihre Fürbitte und Ihr Mitgefühl mit den Menschen in Israel/Palästina. Es ist nicht vergebens, auch wenn es noch verborgen bleibt, warum dieses unvorstellbare Leid, das sich die Menschen hier gegenseitig zufügen und das nun schon so lange andauert, noch kein Ende gefunden hat.
Mit vielen Grüßen aus Tabgha vom See Genesareth,
Karin und Meinrad Bauer
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