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22. Rundbrief - September 2002
Bericht aus Tabgha
Der feucht-heiße Tabgha-Sommer mit bis zu 48 Grad Celsius hat hoffentlich seinen Höhepunkt überschritten, und nur noch P. Hieronymus und P. Jeremias befinden sich im wohlverdienten Heimat- bzw. Sommerurlaub. So fällt es uns Daheimgebliebenen bzw. Wiederheimgekehrten zu, von unserem Leben in den vergangenen Monaten mitzuteilen.
Mehr und mehr erfahren wir vier Mönche uns als eine verlässliche Gemeinschaft. Jeder von uns ist in vielerlei Hinsicht herausgefordert: durch die eigenen Aufgaben, durch die Begegnung mit den Mitarbeitern und Gästen, durch diesen Ort hier und natürlich auch durch die nun schon fast zwei Jahre währende angespannte Situation des Heiligen Landes.
Dabei sind wir froh, einiges von dem fortführen und weiterentwickeln zu können, was Tabgha zu einem wichtigen Ort für viele Menschen hat werden lassen: die betende Präsenz in der Feier von Eucharistie und Stundengebet, das Leben der Gastfreundschaft für und mit den Menschen, die in unser kleines Gästehaus und auf die Begegnungsstätte kommen, das Geben und Empfangen im Zusammenleben mit den Schwestern, Mitarbeitern, Zivis, Nachbarn und Freunden. Immer wieder geben uns Menschen zu verstehen, dass sie Tabgha als einen Ort des Friedens erfahren. Solche Hinweise ermutigen uns, mit Freude und Ausdauer hier zu leben.
Auch der gute Kontakt mit unseren Brüdern in der Abtei ist uns eine große Hilfe. Am 15. Januar, dem Fest der heiligen Maurus und Placidus, kamen unsere jungen Brüder aus Jerusalem, um "ihr" Fest mit uns gemeinsam zu feiern. Die hohen Feste, außer Ostern und Weihnachten, feiern wir gemeinsam. Ob nun hier oder in der Abtei: Es tut einfach gut, zusammen zu sein. Wenn wir nach Jerusalem fahren, sind immer auch einige Schwestern und Zivis dabei.
Besonders dankbar sind wir dann Pfr. Ludger Bornemann, der so manchesmal die Eucharistie mit den Daheimgebliebenen feiert. Auch sonst übernimmt er regelmäßig mit großer Treue die Feier der Hl. Messe am Sonntag und in der darauffolgenden Woche, und er ist nicht selten unser heißer Draht ins neue "Pilgerhaus Tabgha". Mit viel Einfühlungsvermögen war er an der Vorbereitung für die offizielle Einweihungsfeier des neuen Hospizes des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVvHL) am 10. März beteiligt. Zu diesem Anlass war eine größere Pilgergruppe des Vereins angereist, unter Beteiligung seines Präsidenten, des Erzbischofs von Köln, Joachim Kardinal Meisner. Kardinal Meisner stand der feierlichen Eucharistiefeier in unserer Brotvermehrungskirche am Sonntagmorgen vor und nahm anschließend die Einweihung des Pilgerhauses vor. Es wurde ein wunderschöner Tag, vor allem natürlich für die vielen Mitglieder des Deutschen Vereins, die einen jahrzehntelang gehegten Traum Wirklichkeit werden sahen.
Die Feier war auch ein bescheidenes, aber durchaus beachtetes Zeichen von Zuversicht in und für dieses arme Land in diesen Krisenzeiten.
Mittlerweile hat sich ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis mit dem neuen Pilgerhaus entwickelt. Es gibt manche Berührungspunkte. Unter anderem benutzen wir auch dieselbe Telefonanlage.
Zur Zeit der Einweihung des Pilgerhauses befand sich auch wieder für mehrere Wochen Frau Erna Seidel aus München bei uns, eine gute Bekannte von P. Hieronymus und ehemalige Volontärin, die über viele Jahre unsere Sakristei und die mittlerweile eingestellte Tonbildschau betreute. Mit gewohnter Gründlichkeit übernahm sie wieder die Schreib- und Redigierarbeiten von P. Hieronymus' Erinnerungen, die nun auch die Zeit des Papstbesuches im Jahr 2000 umfassen.
Die Heilige Woche und die drei Österlichen Tage durften wir mit einer kleinen, aber sehr engagierten Gruppe von Gästen feiern, die diese Zeit zu einem echten Fest des Glaubens werden ließen.
Der plötzliche Tod von P. Bargil in der Osteroktav stellte unsere Osterfreude auf eine ernste Probe. Noch zwei Wochen vorher war er bei uns in seinem geliebten Tabgha gewesen. Im Nachhinein haben wir den Eindruck, dass er sich im Stillen schon verabschiedet hatte: Waren seine Besuche in der Umgebung sonst eher von Unternehmungslust und Plänemachen geprägt, so überwogen diesmal vor allem seine stille Dankbarkeit und Freude. Wir wissen P. Bargil nun im himmlischen Galiläa, wo er endlich seine große Liebe zu Jesus erfüllt sehen darf.
Am Ostermontag kehrten unsere Mitschwestern Audrey und Clothilde nach knapp drei Jahren in Tabgha wieder auf die Philippinen zurück. Dort erwarten sie schon wieder neue Aufgaben. In Tabgha waren sie uns eine große Hilfe in Gästehaus und Sakristei. Zur Zeit können nur Sr. Andrea und Sr. Lea direkt mit uns zusammenarbeiten. Je zwei weitere Schwestern arbeiten im neuen Pilgerhaus bzw. im Schwesternkloster. Die tägliche Eucharistiefeier und Teile des Stundengebets feiern wir gemeinsam, was für uns alle ein großer Gewinn ist.
Unser größtes gemeinsames Fest war zweifellos die Kirchweihe am 23. Mai: Vor 20 Jahren weihte der damalige Präsident des DVvHL, Josef Kardinal Höffner, die neue Brotvermehrungskirche, die seither Tabghas Herz ist.
Seit Ausbruch der zweiten Intifada bemerken wir, dass es leichter und auch nötiger ist, den Kontakt mit der hiesigen Ortskirche zu halten. Und so war es für uns eine große Freude, dass unser zuständiger Weihbischof, Giacinto-Boulos Marcuzzo aus Nazareth, mit uns am Kirchweihfest die Eucharistie feierte. Mit unseren Mitbrüdern aus Jerusalem, vielen Mitarbeitern von dort und hier sowie Freunden aus nah und fern, durften wir unsere Freude und Dankbarkeit ausdrücken für dieses Haus Gottes und der Menschen. Es erstrahlte an diesem Tag in besonders festlichem Glanz durch den tatkräftigen und kreativen Einsatz von Frau Resi Borgmeier. Gemeinsam mit ihrem Mann Jochen hat sie als Mitglied im Vorstand des Freundeskreises der Abtei stets ein offenes Ohr für unsere Anliegen.
Vermehrt kommen seit einiger Zeit einheimische Christen, um unsere Kirche und den Platz zu besuchen - sei es zum Gebet, sei es um ihre Kinder taufen zu lassen, sei es um einige Tage auszuspannen von ihrem oft sehr angespannten Alltag. Das gleiche gilt für die hiesigen Ordensleute, die zunehmend zu einigen Tagen in Stille oder zu Exerzitien kommen. Sehr gefreut haben wir uns über zwei Seminaristen des lateinischen Priesterseminars in Beit Jala, die gemeinsam mit einigen ihrer Professoren ihre Weiheexerzitien bei uns hielten.
Anlässlich der Weihe eines der beiden Kandidaten reisten P. Jeremias und P. Elias nach Amman, wo sie auch Gelegenheit hatten, unseren ehemaligen Mitbruder P. Emmanuel zu besuchen. Gebürtig aus Madaba im heutigen Jordanien und früh verwaist, kam er Ende der 30er Jahre in unsere Abtei auf dem Zion, wo unser erster Abt Maurus Kaufmann ihn in die Gemeinschaft aufnahm und ihm Studium und Priesterweihe ermöglichte. Nach Gründung des Staates Israel 1948 wurde er als Jordanier ausgewiesen und arbeitete seitdem in Amman als Gemeindepriester. Nun lebt er im Ruhestand bei Verwandten in Jordanien. In ihm begegnen wir einem Menschen aus der sehr wechselhaften Geschichte unserer Gemeinschaft, und zugleich fühlen wir uns durch ihn auch der hiesigen Kirche verbunden.
Dieser Verbundenheit mit den einheimischen Christen wollen wir, auch auf Anregung von Kardinal Meißner, verstärkt Ausdruck geben durch die Feier eines eigenen "Brotvermehrungs-Patroziniums", das wir erstmals im kommenden November (und dann jeweils am zweiten Samstag im November) begehen wollen. In Absprache mit unserem Patriarchen Michel Sabbah und mit Bischof Marcuzzo soll es vor allem ein Fest für die hiesigen Gemeinden werden, die landesweit eher weniger Kontakt zu den Heiligen Stätten haben, da diese ja meist von Ausländern betreut werden.
So also gehen wir hier Schritt für Schritt weiter und hoffen, dass unser klösterliches Leben mehr und mehr fruchtbar werden kann im Frieden für unsere Herzen und vielleicht auch ein wenig im Frieden für die Menschen hier in unserer Umgebung.
Viele Grüße an alle Freunde und Wohltäter von Tabgha, besonders auch von unserem Superior P. Jeremias und unserem "Altvater" P. Hieronymus.
Br. Josef OSB und P. Elias OSB
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