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23. Rundbrief - Februar 2003

Chronik unserer Gemeinschaft

September 2002

Am letzten Septemberwochenende des vergangenen Jahres bin ich zum 100jährigen Jubiläum meiner Heimatpfarrei St. Johannes Baptist in Welschen Ennest gereist. Bei den Feierlichkeiten, den Gesprächen, Begegnungen und Vorträgen habe ich wieder einmal erfahren dürfen, was auch meine Brüder berichten, wenn sie nach einer Urlaubs- oder Geschäftsreise aus Deutschland zurückkehren: Die Menschen nehmen großen Anteil an uns, an uns persönlich und am Heiligen Land insgesamt. Es tut einfach gut, um diese Verbundenheit zu wissen, die sich ganz verschieden äußern kann.

Oktober 2002

Mit einem ganz besonderen Zeichen der Verbundenheit hier vor Ort durften wir den Oktober beginnen: Der kleine Franziskanerkonvent in der Anastasis ("Grabeskirche") hatte uns eingeladen, mit ihnen am 4. Oktober das Fest des Heiligen Franziskus zu feiern. Der Festgottesdienst am Heiligen Grab, dem ich vorstehen durfte, war für uns alle eine sehr eindrückliche Erfahrung. Nach der Eucharistiefeier waren wir Brüder zu einem polnischen Frühstück - P. Franziskus, der Guardian des Konventes, stammt aus Polen - eingeladen. Anschließend führte uns P. Franziskus durch den "franziskanischen" Teil der Anastasis, ein mit uns befreundeter Armenier zeigte uns schließlich die armenischen Teile, darunter auch die Unterseite des Golgotha-Felsens.

Franziskanische Gastfreundschaft:
Abt Benedikt predigt am heiligen Grab

Wie jedes Jahr hielten wir im Oktober (14.-19.) unsere Konventexerzitien, zu denen auch unsere Brüder aus Tabgha kamen. Pfarrer Josef Brandner, Priesterseelsorger aus München und ausgewiesener Bibelliebhaber, führte uns durch das Buch der Bücher und brachte viele Stellen in sehr pointierter Weise zum Leuchten.

Am 28. Oktober, dem Fest der Apostel Simon und Judas, ist unser Senior Br. Eduard Weiser im Alter von 93 Jahren gestorben. Nach dem Tod von P. Bargil Pixner und P. Laurentius Klein im Frühjahr und Sommer 2002 ist mit unserem kleinen "Br. Schustergesellen" ein weiterer Mönch gestorben, der unsere Abtei über Jahrzehnte hin geprägt hat. An ihm wurde mir besonders deutlich, wie wertvoll alte Menschen für eine junge Gemeinschaft wie die unserige sind: Seine Gebrechlichkeit erforderte Aufmerksamkeit und Liebe, die so im anderen geweckt wurde. Für sein langes Leben im Dienste Gottes als Benediktinermönch im Hl. Land danken wir ihm. Jenes Jerusalem aber, das von oben ist, das sei seine ewige Heimat.

Br. Eduard Weiser OSB
(1909-2003)

Seit Ende Oktober ist P. Cornelius Hoernig OSB bei uns. Nach seiner Pensionierung als Direktor des Gymnasiums der Abtei in Münsterschwarzach kam er zunächst für eine Sabbatzeit nach Jerusalem und wird nun für ein weiteres Jahr mit uns auf dem Zion das monastische Leben teilen und tragen.

Jüdische Gastfreundschaft:
Br. Linus und P. Cornelius aus Münsterschwarzach an der Westmauer

November 2002

Einen sehr besinnlichen Gedenkgottesdienst haben wir am 3. November zusammen mit der Ecumenical Theological Research Fraternity in Israel, einem von P. Laurentius Klein mitinitiierten Theologenkreis, in unserer Basilika gefeiert. Christliche und jüdische Freunde waren gekommen, um verstorbener Mitglieder und Freunde der Fraternity zu gedenken, darunter unsere Brüder Bargil Pixner und Laurentius Klein.

Unter unseren vielen Gästen der letzten Monate, die trotz der angespannten Lage - Gott sei Dank! - immer noch kommen, seien hier nur als Beispiel drei erwähnt, da von ihnen für unsere Arbeit viele wertvolle Impulse ausgegangen sind und noch ausgehen: So war Helmut Müller-Brühl, Leiter des Kammerorchesters der Kölner Philharmonie, bei uns zu Gast, um sich an Ort und Stelle über unsere Gemeinschaft zu informieren. Herr Müller-Brühl wird aus Anlass eines runden Geburtstages in diesem Jahr am 29. Juni im Rahmen unserer Friedensakademie ein Benefizkonzert in Köln veranstalten, dessen Erlös zum einen Einrichtungsgegenständen für den Neubau von Beit Noah in Tabgha, zum anderen einem Projekt mit einheimischen Musikern hier in Jerusalem zugute kommen soll. - Zeitgleich waren im November der Wissenschaftspublizist Michael Gleich und der Fotograf Frieder Blickle hier. Die beiden haben das Projekt "Peace Counts" ins Leben gerufen, das weltweit Friedensinitiativen vorstellen und vernetzen will. Im Heiligen Land haben sie das "Friedensdorf" Neve Shalom besucht und sich ebenso mit uns und unserer entstehenden Friedensakademie Beit Benedikt beschäftigt. - Es ist für uns jeweils eine sehr spannende und bereichernde Erfahrung, wenn mehr oder weniger Außenstehende mit uns ihre Perspektiven auf Land und Leute und Abtei teilen. Dokumentiert ist das in diesem Rundbrief durch einige der beeindruckenden Fotos, die uns Frieder Blickle zur Verfügung gestellt hat, durch einen Artikel unserer Volontärin Rosemarie Grote und durch einen weiteren Artikel von Jan Woppowa, der Anfang Januar für einige Zeit als Gast bei uns war. Dankeschön!!!

Perspektiven: Fotograf Frieder Blickle bei der Arbeit

Am 9. November haben wir mit Patriarch Sabbah, Bischof Marcuzzo und vielen, vielen einheimischen Christen das erste "Brotvermehrungsfest" in Tabgha gefeiert, über das P. Jeremias ausführlich berichtet. - Mit Resi Borgmeier und Ludger Bornemann habe ich die beiden Einkehrwochenenden unseres Freundeskreises auf Frauenwörth/Chiemsee und in Meschede bestreiten dürfen. Wieder einmal durfte ich erfahren, dass man bei solchen Treffen nicht nur gibt (z.B. in Form eines geistlichen Vortrages), sondern noch viel mehr geschenkt bekommt durch das herzliche und ehrliche Interesse an unserem Leben. Dankbar bin ich mit vielen Eindrücken von diesen Tagen ins Heilige Land zurückgekehrt. - Etwa zeitgleich war P. Prior br. Thomas bei der Vorstandssitzung von "Biblische Reisen" in Stuttgart, wo es galt, die Bibel- und Reisearbeit auch in diesen schwierigen Zeiten zu koordinieren.

Dezember 2002

Unseren Nikolausabend haben wir dieses Mal im kleinen Kreis mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mit Gästen gefeiert. Nicht nur an diesem Tag wurde uns bewusst, wie sehr uns in unserem ganz alltäglichen Leben unsere Studierenden in Beit Josef fehlen...

In den Tagen des Advent haben wir unseren Jahresgast und "Ehren-Volontär" Robert Lenfers verabschiedet, der nach seinem Sabbat-Jahr bei uns nun wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist. Er bleibt uns aber durch seine Arbeit im Sinne eines Geschäftsführers für die Stiftung Hagia Maria Sion verbunden und erhalten. In den gleichen Tagen durften wir Schwester Benedicta Pöppelmeyer OSB aus Osnabrück begrüßen, die für einige Monate unsere monastische Familie auf dem Zion verstärken wird und die in der Schneiderei und in der Sakristei wertvolle Dienste für unsere Gemeinschaft übernommen hat.

Benediktinische Gastfreundschaft:
Bischof Clemens in unserer Kaffeerunde

Bischof Clemens Pickel, geboren in Deutschland, nunmehr Bischof von Saratow in Russland, war kurz vor Weihnachten bei uns, um die Heiligen Stätten zu besuchen und seinen Christen in Russland dann davon zu berichten. Für uns war es außerordentlich interessant, seinen Berichten über die Situation der (katholischen) Christen in Russland zu folgen.

Bei einem Kurztrip nach und durch Deutschland habe ich in Paderborn an einem Symposium zur Frage der Priesterausbildung und in Berlin am ersten Forum von "Peace Counts" teilgenommen. Michael Gleich, der uns im November besucht hatte, hat dieses Treffen mit Politikern und Wirtschaftsvertretern in Zusammenarbeit mit der gtz (Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) organisiert und bot mir die Möglichkeit, vor diesem Publikum unsere bisherige Arbeit hier im Land und unsere Friedensakademie Beit Benedikt vorzustellen.

Die Weihnachtsfeiertage begannen für uns im Haus mit der Aufnahme unseres Kandidaten Franz Gröner in das Postulat. - Was sonst, von außen, über Weihnachten 2002 im Heiligen Land zu sagen wäre, kennen Sie alle aus den Medien. Aus der Innenperspektive beschreibt es Br. Thomas. - Mit einem Aperitif vor dem festlichen Mittagessen am ersten Feiertag konnten wir nach einer umfassenden Renovierung in den vergangenen Monaten auch unsere "Alte Bibliothek" wieder in Gebrauch nehmen. Sie dient uns nun als Empfangs-, Konferenz- und Sprechraum.

Am Silvestertag hat Br. Samuel in der Scheyerer Abteikirche an der Orgel ein Benefizkonzert mitgestaltet.


Januar 2003

Gäste und Freunde stoßen mit uns auf das neue Jahr und die Friedensakademie an


Dass und wie wir seit dem 1. Januar unsere Friedensakademie Beit Benedikt in Betrieb genommen haben, können Sie im Artikel von Br. Basilius nachlesen.

Mit dem Hochfest der Erscheinung des Herrn ist auch unser Bruder Josef von Tabgha wieder hier auf dem Zion zurückgekehrt.

Bischöfe aus Europa und Nordamerika waren in der dritten Januarwoche der Einladung des Lateinischen Patriarchates zu einem Internationalen Bischofssymposium in Jerusalem gefolgt. Ich hatte die Gelegenheit, bei den verschiedenen Vorträgen und Diskussionsrunden teilzunehmen.

Die verschiedenen Gottesdienste, die im Rahmen der Ökumenischen Gebetswoche für die Einheit der Christen (19.-26. Januar 2003) traditionell wechselnd in verschiedenen Jerusalemer Kirchen stattfanden, waren freilich alle geprägt von der derzeitigen Situation und der Frage, wie wir als Christen darauf reagieren sollen oder können...

Perspektiven: P. Jonas mit einem jungen Ehepaar aus Deutschland, dessen adoptierten Sohn aus Palästina und dem Koordinator unserer Friedensakademie, P. Michael Sellors

Unsere Gemeinschaft: Jetzt und im Ausblick

Unser Senior P. Hieronymus residiert nach wie vor in Tabgha und unternimmt in diesen Tagen eine Reise nach Deutschland. In Tabgha sind als Kernmannschaft derzeit P. Jeremias als Superior und P. Matthias, der von Karin und Meinrad Bauer die Leitung der Begegnungsstätte übernommen hat. P. Elias wird nur noch bis Anfang März in Tabgha sein: Er wird dann in Rom einen mehrmonatigen Kurs über benediktinische Spiritualität absolvieren, um mir danach bei der Ausbildung und Begleitung der Kandidaten, Postulanten und Novizen zu helfen. Um Gemeinschaftsleben und Arbeit in Tabgha zu gewährleisten, wird P. Jonas nach seiner Zeitlichen Profess am 22. Februar an den See gehen. Unsere übrigen "Jungmönche" werden im Vierwochenwechsel in Tabgha sein.

Unser Prior, Br. Thomas, kümmert sich nach wie vor um unsere verschiedenen Bauprojekte, derzeit insbesondere um Beit Benedikt, dessen Planung in eine "heiße Phase" getreten ist. P. Vincent erfreut sich seiner Bibelarbeit und ist für unseren Mehr-Generationen-Haushalt ein weiser und aufmerksamer Beobachter, dessen kluge Bemerkungen nicht nur die jüngeren Brüder schätzen. P. Bernhard restauriert und malt Ikonen, koordiniert die Arbeiten in der Weihrauchwerkstatt und bereitet die Einrichtung eines Kerzenateliers vor. Br. Josef, der am Hochfest der Verkündigung des Herrn (25. März) seine Feierliche Profess ablegen wird, macht nach und nach in Deutschland verschiedene Kurse, um hier auf dem Zion bibliothekarische Aufgaben zu übernehmen. Fern von Mutter und Tochter Zion und doch mit ihr verbunden studiert Br. Johannes weiterhin fleißig in Rom Theologie, und Br. Samuel absolviert in Scheyern sein Anerkennungsjahr als Gemeindereferent. Unsere Novizen Br. Basilius und Br. Ralph haben das Erbe von P. Bargil in punkto Ökumene angetreten und vertreten uns bei den verschiedenen Organisationen und Treffen. Br. Basilius unterstützt mich zudem bei allem, was mit der Friedensakademie zusammenhängt. Er wird am Benediktsfest (21. März) seine Zeitliche Profess ablegen. P. Jonas kümmert sich weiterhin um unsere Gäste und um alles, was mit Beit Josef zu tun hat. Br. Ralph hat in diesen dunklen Wintermonaten mit (Orgel-)Konzerten, die er alleine oder mit israelischen Musikern in unserer Kirche auf dem Zion, in der lutherischen Weihnachtskirche in Betlehem und in der Erlöserkirche hier in Jerusalem gestaltet hat, für manchen Licht in den Intifada-Alltag bringen können... Unser Postulant Franz Gröner ist am wahrscheinlichsten im Klostergarten auf dem Zion oder (wie in diesen Tagen) im großen Garten von Tabgha zu finden, wo seine liebende und fachkundige Sorge der Flora (und den Katzen) des Heiligen Landes gilt. Markus Wenzel unterstützt derzeit die Brüder in Tabgha im Office und in der Sakristei und ist unser aller Ansprechpartner für alle Computerfragen. Jürgen Stapf betreut unseren Klosterladen und bereitet zusammen mit P. Bernhard den Vertrieb unseres Weihrauchs vor. - An Lichtmeß (2. Februar) werde ich auch Markus und Jürgen als Postulanten aufnehmen.

Die Zeiten sind schwierig. Und wenn ich heute diese Zeilen schreibe, weiß ich nicht, ob Sie diesen Rundbrief überhaupt bekommen oder ob ein Irak-Krieg dazwischen gekommen ist oder... oder... Mancher hat gar Angst vor einem Dritten Weltkrieg... Dennoch spüren wir, dass es wichtig und richtig ist, auch länger zu planen. Gerade jetzt. In diesem Sinne gestatten Sie vielleicht noch eine ausblickende Information: Am diesjährigen Kirchweihfest von Tabgha, dem 23. Mai, werden wir nicht nur dieses Fest mit unseren Mitarbeitern von Tabgha und vom Zion, deren Familien und weiteren Gästen feiern. An diesem Tag wird Br. Basilius an dem Ort des Wunders der Brotvermehrung, der für die dienende und kreative Liebe unseres Herrn Jesus Christus steht, die Diakonenweihe empfangen.


     Abt Benedikt Lindemann OSB