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23. Rundbrief - Februar 2003

Tabgha im Herbst 2002

Eine große Baustelle, dreißig Eukalyptusbäume und neunhundert Christen aus Galiläa

Das Licht der sinkenden Abendsonne spielt in den Blättern. Wir stehen zwar gerade erst vor der Jahreswende - es ist der 27. Dezember 2002 - , doch der späte Nachmittag hier am See Genesareth kündigt bereits frühlingshafte Temperaturen des kommenden Jahres an. Im Vertrauen auf die Führung Gottes wünsche ich Ihnen, liebe Freundinnen und Freunde unserer Gemeinschaft, von ganzem Herzen ein gesegnetes Neues Jahr 2003.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre solidarische Verbundenheit mit uns, für Ihr aufmerksames Interesse, Ihre materielle Hilfe und Ihr begleitendes Gebet. Vergelt's Gott!

Die Mitternachtsmesse zu Weihnachten haben wir im engsten Kreis gefeiert. Gäste waren nicht gekommen außer einer Jüdin aus dem benachbarten Migdal. Die Kirche war also beinahe leer - und doch war sie erfüllt. Es war für mich ein sehr intensives Erleben, denn auf dem Hintergrund des nicht absehbaren Endes der Krise und der Gewalt im Heiligen Land, die einen bisweilen sprachlos machen kann, wird die Weihnachtsbotschaft nur um so deutlicher. Der einzige Ausweg ist die Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus geschenkt ist! Nur in ihr lernen wir, die Liebe zum Frieden - und darin den Frieden selbst - wach und lebendig zu halten, was nicht selbstverständlich ist, sondern steter Hinwendung bedarf. Das ist unsere täglich neue Aufgabe und unser aller Auftrag.

Die Atmosphäre in den Städten, auf den Straßen und in den Geschäften ist oftmals angespannt oder depressiv gelähmt. Die Möglichkeit eines Irak-Krieges ist in aller Munde und verstärkt die Schwere. Dann erlebe ich nach Erledigungen in Tiberias und Umgebung das Zurückkommen nach Tabgha an den See und seine friedliche Natur, die sich von all dem nicht beeindrucken lassen, als wohltuend und befriedend - heilend. Das ist die Botschaft unserer Orte auf dem Zion und in Tabgha und zugleich Orientierung und Ansporn für unseren geistlichen Weg. Es geht immer wieder um Jesus Christus, das Licht der Welt, das die Finsternis nicht erfassen kann. Ihn und seine Botschaft mehr und mehr kennen und lieben zu lernen - im Gebet, im Leben in der Gemeinschaft, in der täglichen Arbeit.


P. Hieronymus läutet zum Brotvermehrungsfest



Ein Volontär, zwei Bauers, sieben Zivis und jede Menge Benediktiner/innen

Dankbar schaue ich auf die letzten Monate zurück. Trotz ausbleibender Pilgerströme aus dem Ausland ist doch vieles in Bewegung:

Am 17. Juli kam Vater Abt mit P. Matthias aus der Abtei, der seither bei uns in Tabgha ist. Ich freue mich, dass er mittlerweile die Leitung unserer Begegnungsstätte übernommen hat. Karin und Meinrad Bauer, die seit Januar 2000 verlässlich und zum Besten der Gäste unsere Begegnungsstätte geführt hatten, kehren zu Beginn des neuen Jahres nach Deutschland zurück. Für ihr Engagement sage ich beiden ein herzliches Vergelt's Gott und wünsche ihnen reichen Segen für ihre weitere Zukunft. Ihren Abschied feierten wir gleich zweimal: einmal mit vielen arabischen Gästen aus Jerusalem, die häufig zu uns ins Beit Noah kamen und die uns zu einem großen Fischessen eingeladen hatten, und das zweite Mal Ende November im engeren Kreis der Mitbrüder, Angestellten und Freunde. Am 1. August traten unsere Zivildienstleistenden Christian Pongratz und Dirk Zeppenfeld und unser Volontär Matthias Vetter mit dem Schiff ihre Heimreise an. Tobias Lang beendete seinen Zivildienst Mitte August und Georg Steidle Ende Oktober. Allen sei hier nochmals herzlich gedankt für ihre Mitarbeit auf der Begegnungsstätte und im Kloster. Sie wurden abgelöst durch unsere neuen Zivildienstleistenden Markus Scholze aus Wittichenau, Michael Hofmann aus Dipbach und Christoph Hohmann aus Rodalben. Wir sind nicht nur auf ihre Hilfe angewiesen, sondern erleben sie auch als große Bereicherung in unserem Alltag.

Ende September kam Mother Miriam Alejandrino OSB, die Generaloberin unserer philippinischen Mitschwestern mit der Generalsekretärin, Sr. Cecile Lanas OSB, zur Kanonischen Visitation des Schwestern-Konventes nach Tabgha. Die benediktinische Spiritualität und das "Gebet um den Frieden" als unsere vornehmliche Aufgabe standen im Zentrum unserer fruchtbaren Gespräche.

Unmittelbar vor der Visitation kamen P. Hieronymus und ich zeitgleich aus dem Urlaub zurück. P. Hieronymus überrascht uns immer wieder in seiner Kraft und Ausdauer bei Ausflügen und Unternehmungen, auch wenn er in den letzten Monaten seine 81 Jahre in zunehmendem Maße spürt. Er ist nach wie vor sehr wach und interessiert, was die Geschicke des Landes angeht. Täglich verfolgt er die neuesten Nachrichten und hält uns jüngere Brüder auf dem Laufenden.

Wir sind froh, seit Anfang Oktober mit Mr. Osama Rashed, einem christlichen Palästinenser aus Galiläa, einen Angestellten gefunden zu haben, der einmal wöchentlich für unsere Verwaltung zu uns kommt. P. Elias, der vorrangig für den Gastbereich zuständig ist und im Klosterladen arbeitet, hilft Osama mit Akribie und Ausdauer in der Einrichtung einer eigenständigen Verwaltung in Tabgha. Im März wird P. Elias für einige Monate zu einer spirituellen Ausbildung nach Rom und dann zurück in die Abtei auf den Zion gehen. Für ihn kommt P. Jonas aus Jerusalem. Über personelle Wechsel für längere Zeiten hinaus ist uns der rege alltägliche Austausch mit den Brüdern in unserer Abtei ein wichtiges Anliegen. Es bedarf vieler Fahrten durch den Jordangraben, die uns den Aufwand wert sind, sich in gegenseitiger Unterstützung als eine Gemeinschaft an zwei Orten zu erfahren.

Drei Engländer und dreißig Eukalyptusbäume

Tabgha noch vor einigen Monaten

Der 7. Oktober war ein einschneidendes Datum, denn wir begannen mit dem Abriss des alten Beit Noah, unserem Gästehaus für israelische und arabische behinderte Gäste. Wie vom Himmel geschickt fanden sich genau in diesen Tagen drei junge erfahrene Dachdecker aus Liverpool/England ein. Sie hatten sich, um die Zeit der vorübergehenden Arbeitslosigkeit in der eigenen Bauindustrie sinnvoll zu nutzen, zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land aufgemacht. Fachkundig und tatkräftig gingen sie uns in der Arbeit auf dem Dach voran - eine typische "Tabgha-Erfahrung" an unserem Ort, der ja für das Wunder des unerwarteten Geschenkes steht.

Noch stehen Beit Noah und die Bäume...

... und schon sind die Dach-Ab-Decker am Werk



Erst verschwand das Dach...

... und dann die Wände


Am 22. Oktober begannen die Baumfäller ihre Arbeit. Über 30 brüchig und gefährlich gewordene Eukalyptus-Bäume sind nun abgeholzt. Das Gelände hat sich dadurch sehr verändert, es ist offener und freier geworden - viel Platz für Neues.

Mittlerweile ist die Baugrube für das neue Haus ausgehoben, im Januar werden die Arbeiten an der Fundamentlegung beginnen. Wir können nach Auskunft unseres Bauunternehmers, Khalil Dowery aus Nazareth, der auch die Brotvermehrungskirche und das Kloster unserer Schwestern gebaut hat, damit rechnen, dass das neue Beit Noah in einem Jahr bezugsfertig ist - so Gott will - "Inshallah"!

Und dann fielen nach und nach die Eukalyptusbäume

Ein Grundstein, drei Mitren und neunhundert Christen

Der 9. November war für uns der größte Tag des Jahres: Zusammen mit Bischof Marcuzzo aus Nazareth hatten wir an der Idee gearbeitet, einen eigenen Festtag in Tabgha einzurichten für und mit den einheimischen, vor allem galiläischen Christen. Da wir in Tabgha kein eigentliches Patroziniumsfest feiern, wollten wir ein "Brotvermehrungs-Fest" einführen. Angeregt durch die Predigt von Kardinal Meisner zur Einweihung des neuen Pilgerhauses im Frühjahr 2002 sollte es zu Ehren des kleinen Jungen sein, der nach dem Evangelisten Johannes die fünf Brote und zwei Fische brachte.


Große und kleine Christen aus Galiläa...
...und Schwestern aus Abu Gosh...
...kamen zum Gottesdienst...
...und zur Grundsteinlegung des neuen Beit Noah



Zum Fest rechneten wir mit etwa 200 bis 300 Menschen. Schätzungsweise 900 sind gekommen! Die Kirche war zum Festgottesdienst, den Patriarch Michel Sabbah, Bischof Marcuzzo und Abt Benedikt mit uns feierten, bis auf den letzten Platz gefüllt. Noch im Atrium standen die Leute. So konnten wir die Vielen einladen, sich zwar nicht im frischen Gras - wie es im Evangelium der Brotvermehrung heißt - so doch auf dem 1500 Jahre alten Mosaikfußboden niederzulassen. Kinder und Jugendliche saßen bis auf den Altarstufen, hinter ihnen Priester und ältere Gläubige: ein Bild für die Zukunft der Kirche. - Der Chor der Verkündigungskirche aus Nazareth hat den Gottesdienst musikalisch mitgestaltet.

Ganz Tabgha - wir Benediktiner, die Benediktinerinnen und die Leitung des neuen Pilgerhauses - hatte zum Fest eingeladen. Das zeigte vor allem eine Prozession im Anschluss an die Eucharistiefeier. Wir zogen singend und betend zuerst zur frei geräumten Baufläche des neuen Beit Noah. Dort segnete der Patriarch den Grundstein, worauf direkt arabische Jubelrufe aus der Bevölkerung folgten.

In Dalmanutha hielt Bischof Marcuzzo eine Memoria auf unseren verstorbenen P. Bargil, der diesen Platz vor über 20 Jahren angelegt hatte, als noch das Wasser des Sees Dalmanutha umspülte. Durch die Plantagen ging es weiter zum Konvent unserer philippinischen Schwestern. Abt Benedikt und Sr. Andrea, Priorin des Konventes, hielten eine Statio im überfüllten Innenhof des Klosters. Viele bekamen hier zum ersten Mal einen Eindruck von seiner schönen Lage am See. Die Prozession endete schließlich beim neuen Pilgerhaus des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande, dem alten Tabghahospiz. Hier erinnerte Pfarrer Ludger Bornemann, der geistliche Leiter des Hauses, an die ersten Lazaristenpatres, die vor uns Benediktinern in Tabgha gelebt hatten und die insbesondere durch Gründung von Schulen für einheimische Christen in Galiläa gewirkt hatten. Mit dem Schlusssegen und einem kleinen Empfang endete der gemeinsame Tag.


Gut katholisch: Am neuen Pilgerhaus des Deutschen vereins gab es zuerst den Schlußsegen...

...und dann wurde gefeiert!



Im ganzen ein segensreicher Tag, der uns allen viel Kraft zur Hoffnung geschenkt hat. Der Gottesdienst wurde im lokalen Fernsehen von Nazareth übertragen. Die arabische Presse berichtete über die Grundsteinsegnung des neuen Beit Noah.

Das "Brotvermehrungs-Fest" soll nun jährlich am zweiten Samstag im November gefeiert werden. Dass unser erstes Fest auf den 9. November fiel, war zufällig. Die mehrfache Bedeutung des Datums ist uns später erst bewusst geworden: Es ist der Weihetag der Lateranbasilika in Rom, der "Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises". In diesem Datum liegt auch die Erinnerung an die Reichspogromnacht. Es ist ebenso der Jahrestag, an dem die Mauer in Berlin gefallen ist, sowie die Umkehrung des schrecklichen Datums 11.9. - In diesen unterschiedlichen Gedenken und Erinnerungen steckt ein gemeinsamer Auftrag: Möge mit dem "Brotvermehrungs-Fest" und der Segnung des Grundsteines am 9. November 2002 unser Leben in Tabgha mit dem neuen Gästehaus für israelische und arabische behinderte Gäste im Zeichen des Auftrags der Kirche unter einem Stern der Versöhnung, des Friedens und Heiles stehen, der Mauern einreißt und Begegnung und Einheit schafft. Allen, die den Neubau unseres Beit Noah durch finanzielle Hilfe unterstützt haben, sage ich auch an dieser Stelle nochmals ein ganz herzliches Vergelt's Gott. Für uns ist Ihre Hilfe ein erfahrbares Zeichen der Solidarität und Verbundenheit.

Tabgha: Ein Ort - und viele kommen hin...

Ende November war ich auf der Generalversammlung des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Köln und auf der Vorstandssitzung unseres Freundeskreises in München. Dort überlegten wir, in nächster Zeit Reisen ins Heilige Land anzubieten, die von Freundeskreis und DVvHL gemeinsam veranstaltet werden. Wenn auch aufgrund der unabsehbaren politischen Situation zur Zeit Reisen durch das Land nur unter Vorbehalt angeboten werden können, so ist ein gezieltes Kommen an unsere Orte in Jerusalem und Tabgha nach wie vor eine empfehlenswerte Möglichkeit, an den Orten Jesu zu verweilen und mit der Heiligen Schrift in der Hand seinem Leben näher zu kommen.

In der ersten Adventswoche begleitete Abuna Jacob Willebrands von der Lavra Netofa unsere Exerzitien. - Die Lavra Netofa ist eine Einsiedelei in den galiläischen Bergen, wo Abuna Jacob seit über 30 Jahren mit einer kleinen Kommunität lebt. - Ich bin froh und dankbar, dass er trotz seiner sehr beeinträchtigten Gesundheit bei uns war. In seinem hohen Alter und mit seiner reifen Erfahrung hat er uns alle, die Schwestern, die Zivis, Pfarrer Bornemann und uns Brüder, in seiner Ausstrahlung und Aussagekraft angesprochen und erreicht.

Nachdem wir Weihnachten unter uns waren und gleichwohl sehr festlich gefeiert haben, kamen am zweiten Festtag - wie schon im letzten Jahr - die franziskanischen Nachbarn der umliegenden Konvente zu Besuch.

Nach Neujahr wird Br. Josef wieder in die Abtei auf den Zion zurückgehen und sich auf seine Feierliche Profess vorbereiten. Ich danke ihm sehr für sein stabilisierendes, treues Hiersein. Wir werden ihn vermissen. Br. Josef versorgte unser Office und die Sakristei und führte uns als sicherer Kantor durch die Liturgie. Um die Arbeiten von Br. Josef zu übernehmen, werden im Wechsel unsere neuen Kandidaten Franz, Markus und Jürgen aus Jerusalem kommen.

8000 Übernachtungen geteilt durch 365 Tage ist gleich: 21,9178 Jahre Frieden...

Im Rückblick auf die gesamten letzten Monate fällt mir auf, dass wir doch verhältnismäßig vielen einheimischen Familien, Juden, Christen und Muslimen unser Gästehaus anbieten konnten, so dass wir in diesem Jahr über 2000 Übernachtungen in unserem Gästehaus und über 6000 Übernachtungen auf der Begegnungsstätte verbucht haben. Auffällig ist, dass vermehrt einheimische Gruppen, Familien und Einzelpersonen als Tagesgäste unsere Kirche besuchen und - wie mir scheint - vermehrt als Beter und weniger als Museumsbesucher. Am arbeitsfreien Shabbat kommen insbesondere viele rumänische und philippinische Gastarbeiter. Darüber hinaus einheimische arabische Gruppen und russische Einwanderer (melkitische und russisch-orthodoxe Pfarrgemeinden und Schulklassen aus Galiläa und von der Westküste/Raum Akko und Haifa), israelische Gruppen (Schulklassen, Soldatengruppen...) und ebenso Gruppen von UNO-Soldaten.


Liebe Freunde und Wohltäter von Tabgha, liebe Leserinnen und Leser unseres Rundbriefes, in betender Verbundenheit wünsche ich Ihnen Gottes reichen Segen und verbleibe mit einem herzlichen Dank für Ihre solidarische Hilfe. Auf dass wir nicht müde werden, um Gottes Frieden zu beten. Denn wenn wir Frieden in Gott finden, kann Sein Segen auf uns herabkommen und Seine Liebe fließen.


Es grüßt Sie


        Ihr P. Jeremias Marseille OSB