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23. Rundbrief - Februar 2003 Tabgha im Herbst 2002 Eine große Baustelle, dreißig Eukalyptusbäume und neunhundert Christen aus Galiläa Das Licht der sinkenden Abendsonne spielt in den Blättern. Wir stehen zwar gerade erst vor der Jahreswende - es ist der 27. Dezember 2002 - , doch der späte Nachmittag hier am See Genesareth kündigt bereits frühlingshafte Temperaturen des kommenden Jahres an. Im Vertrauen auf die Führung Gottes wünsche ich Ihnen, liebe Freundinnen und Freunde unserer Gemeinschaft, von ganzem Herzen ein gesegnetes Neues Jahr 2003.
Ein Volontär, zwei Bauers, sieben Zivis und jede Menge Benediktiner/innen Dankbar schaue ich auf die letzten Monate zurück. Trotz ausbleibender Pilgerströme aus dem Ausland ist doch vieles in Bewegung: Drei Engländer und dreißig Eukalyptusbäume
Der 7. Oktober war ein einschneidendes Datum, denn wir begannen mit dem Abriss des alten Beit Noah, unserem Gästehaus für israelische und arabische behinderte Gäste. Wie vom Himmel geschickt fanden sich genau in diesen Tagen drei junge erfahrene Dachdecker aus Liverpool/England ein. Sie hatten sich, um die Zeit der vorübergehenden Arbeitslosigkeit in der eigenen Bauindustrie sinnvoll zu nutzen, zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land aufgemacht. Fachkundig und tatkräftig gingen sie uns in der Arbeit auf dem Dach voran - eine typische "Tabgha-Erfahrung" an unserem Ort, der ja für das Wunder des unerwarteten Geschenkes steht.
Am 22. Oktober begannen die Baumfäller ihre Arbeit.
Über 30 brüchig und gefährlich gewordene Eukalyptus-Bäume
sind nun abgeholzt. Das Gelände hat sich dadurch sehr verändert,
es ist offener und freier geworden - viel Platz für Neues.
Ein Grundstein, drei Mitren und neunhundert Christen Der 9. November war für uns der größte Tag des Jahres: Zusammen mit Bischof Marcuzzo aus Nazareth hatten wir an der Idee gearbeitet, einen eigenen Festtag in Tabgha einzurichten für und mit den einheimischen, vor allem galiläischen Christen. Da wir in Tabgha kein eigentliches Patroziniumsfest feiern, wollten wir ein "Brotvermehrungs-Fest" einführen. Angeregt durch die Predigt von Kardinal Meisner zur Einweihung des neuen Pilgerhauses im Frühjahr 2002 sollte es zu Ehren des kleinen Jungen sein, der nach dem Evangelisten Johannes die fünf Brote und zwei Fische brachte.
Zum Fest rechneten wir mit etwa 200 bis 300 Menschen. Schätzungsweise 900 sind gekommen! Die Kirche war zum Festgottesdienst, den Patriarch Michel Sabbah, Bischof Marcuzzo und Abt Benedikt mit uns feierten, bis auf den letzten Platz gefüllt. Noch im Atrium standen die Leute. So konnten wir die Vielen einladen, sich zwar nicht im frischen Gras - wie es im Evangelium der Brotvermehrung heißt - so doch auf dem 1500 Jahre alten Mosaikfußboden niederzulassen. Kinder und Jugendliche saßen bis auf den Altarstufen, hinter ihnen Priester und ältere Gläubige: ein Bild für die Zukunft der Kirche. - Der Chor der Verkündigungskirche aus Nazareth hat den Gottesdienst musikalisch mitgestaltet. Ganz Tabgha - wir Benediktiner, die Benediktinerinnen und die Leitung des neuen Pilgerhauses - hatte zum Fest eingeladen. Das zeigte vor allem eine Prozession im Anschluss an die Eucharistiefeier. Wir zogen singend und betend zuerst zur frei geräumten Baufläche des neuen Beit Noah. Dort segnete der Patriarch den Grundstein, worauf direkt arabische Jubelrufe aus der Bevölkerung folgten. In Dalmanutha hielt Bischof Marcuzzo eine Memoria auf unseren verstorbenen P. Bargil, der diesen Platz vor über 20 Jahren angelegt hatte, als noch das Wasser des Sees Dalmanutha umspülte. Durch die Plantagen ging es weiter zum Konvent unserer philippinischen Schwestern. Abt Benedikt und Sr. Andrea, Priorin des Konventes, hielten eine Statio im überfüllten Innenhof des Klosters. Viele bekamen hier zum ersten Mal einen Eindruck von seiner schönen Lage am See. Die Prozession endete schließlich beim neuen Pilgerhaus des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande, dem alten Tabghahospiz. Hier erinnerte Pfarrer Ludger Bornemann, der geistliche Leiter des Hauses, an die ersten Lazaristenpatres, die vor uns Benediktinern in Tabgha gelebt hatten und die insbesondere durch Gründung von Schulen für einheimische Christen in Galiläa gewirkt hatten. Mit dem Schlusssegen und einem kleinen Empfang endete der gemeinsame Tag.
Im ganzen ein segensreicher Tag, der uns allen viel Kraft zur Hoffnung geschenkt hat. Der Gottesdienst wurde im lokalen Fernsehen von Nazareth übertragen. Die arabische Presse berichtete über die Grundsteinsegnung des neuen Beit Noah. Das "Brotvermehrungs-Fest" soll nun jährlich am zweiten Samstag im November gefeiert werden. Dass unser erstes Fest auf den 9. November fiel, war zufällig. Die mehrfache Bedeutung des Datums ist uns später erst bewusst geworden: Es ist der Weihetag der Lateranbasilika in Rom, der "Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises". In diesem Datum liegt auch die Erinnerung an die Reichspogromnacht. Es ist ebenso der Jahrestag, an dem die Mauer in Berlin gefallen ist, sowie die Umkehrung des schrecklichen Datums 11.9. - In diesen unterschiedlichen Gedenken und Erinnerungen steckt ein gemeinsamer Auftrag: Möge mit dem "Brotvermehrungs-Fest" und der Segnung des Grundsteines am 9. November 2002 unser Leben in Tabgha mit dem neuen Gästehaus für israelische und arabische behinderte Gäste im Zeichen des Auftrags der Kirche unter einem Stern der Versöhnung, des Friedens und Heiles stehen, der Mauern einreißt und Begegnung und Einheit schafft. Allen, die den Neubau unseres Beit Noah durch finanzielle Hilfe unterstützt haben, sage ich auch an dieser Stelle nochmals ein ganz herzliches Vergelt's Gott. Für uns ist Ihre Hilfe ein erfahrbares Zeichen der Solidarität und Verbundenheit. Tabgha: Ein Ort - und viele kommen hin... Ende November war ich auf der Generalversammlung des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Köln und auf der Vorstandssitzung unseres Freundeskreises in München. Dort überlegten wir, in nächster Zeit Reisen ins Heilige Land anzubieten, die von Freundeskreis und DVvHL gemeinsam veranstaltet werden. Wenn auch aufgrund der unabsehbaren politischen Situation zur Zeit Reisen durch das Land nur unter Vorbehalt angeboten werden können, so ist ein gezieltes Kommen an unsere Orte in Jerusalem und Tabgha nach wie vor eine empfehlenswerte Möglichkeit, an den Orten Jesu zu verweilen und mit der Heiligen Schrift in der Hand seinem Leben näher zu kommen. 8000 Übernachtungen geteilt durch 365 Tage ist gleich: 21,9178 Jahre Frieden... Im Rückblick auf die gesamten letzten Monate fällt mir auf, dass wir doch verhältnismäßig vielen einheimischen Familien, Juden, Christen und Muslimen unser Gästehaus anbieten konnten, so dass wir in diesem Jahr über 2000 Übernachtungen in unserem Gästehaus und über 6000 Übernachtungen auf der Begegnungsstätte verbucht haben. Auffällig ist, dass vermehrt einheimische Gruppen, Familien und Einzelpersonen als Tagesgäste unsere Kirche besuchen und - wie mir scheint - vermehrt als Beter und weniger als Museumsbesucher. Am arbeitsfreien Shabbat kommen insbesondere viele rumänische und philippinische Gastarbeiter. Darüber hinaus einheimische arabische Gruppen und russische Einwanderer (melkitische und russisch-orthodoxe Pfarrgemeinden und Schulklassen aus Galiläa und von der Westküste/Raum Akko und Haifa), israelische Gruppen (Schulklassen, Soldatengruppen...) und ebenso Gruppen von UNO-Soldaten. |