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25. Rundbrief - 21. März 2004
Bruder Noah, unsere Arche und der Regenbogen über dem See Genesareth
Aus dem Leben unserer Begegnungsstätte
Als Abt Benedikt mir mit dem 1.Oktober 2003 die Leitung der Begegnungsstätte als Nachfolger von Pater Matthias Karl in Tabgha übertragen hat, war ich mir dessen bewusst, dass meine erste Herausforderung darin bestehen wird, gemeinsam mit Pater Jeremias die Fertigstellung des Neubaus von Beit Noah zu begleiten.
Es ist eine tägliche Freude für uns zu beobachten, wie das neue Haus von Tag zu Tag wächst. Während es bei meiner Ankunft in Tabgha im letzten September noch im Rohbau stand, ist der Bau inzwischen weit fortgeschritten: Mit dem Bau des Dachstuhls und der Eindeckung des Daches ab Weihnachten gingen die Bauabschnitte schnell voran: Die Fenster sind eingesetzt, der Innenausbau mit Installationen und Wandanstrich ist größtenteils abgeschlossen, die Außenanlagen werden gerichtet, und wenn alles klappt, kann die erste Gruppe im März im neuen Beit Noah einziehen.
Die "kleinen Dinge" halten ja bekanntlich oft sehr auf. Deshalb haben wir in der Gemeinschaft der Brüder beschlossen, die Einweihung erst dann zu feiern, wenn wirklich alles fertig ist. Daher ist es mir eine große Freude, schon jetzt im Namen von Vater Abt und unserer ganzen Gemeinschaft zur Einweihung des neuen Beit Noah am Kirchweihfest der Brotvermehrungskirche, dem 23. Mai 2004, herzlich einzuladen!
Die Leitung der Begegnungsstätte während des Neubaus von Beit Noah zu übernehmen, sehe ich als eine wirkliche Herausforderung - ist meine Arbeit zur Zeit einfach sehr mit dem Neubau gefüllt, aber auch erfüllt! Das neue Haus hat nicht nur optisch das Gelände der Begegnungsstätte verändert, es wird auch inhaltlich die Möglichkeiten auf der Begegnungsstätte erweitern: Durch die geschlossene Bauweise und die Möglichkeit der Klimatisierung des Gebäudes im Sommer und im Winter, wird es in Zukunft möglich sein, auch im Winter Gruppen im beheizbaren Beit Noah aufzunehmen. Unser Bemühen, zusätzlich zu den Stammgästen der palästinensischen und israelischen Behindertengruppen, die Kontakte zur Ortskirche und einheimischen Pfarrgemeinden zu intensivieren, hat erste Früchte getragen: So konnten wir im Januar 2004 eine Gruppe von Schülern aus der La Salle Schule in Jerusalem willkommen heißen, die in ihren Ferien bei uns zu Gast war, um eine Schülerfreizeit bei uns zu verbringen. Täglich trafen sie sich mit ihrem Religionslehrer zu Gebeten und besinnlichen Einheiten. Die gemeinsame Eucharistiefeier am Sonntag mit unserer Gemeinschaft in der Kirche gestalteten sie mit ihren arabischen Gesängen. In zwei Ora-et-labora-Tagen konnten wir gemeinsam mit den Zivis und ihnen am Seeufer die wilden Sträucher abschneiden, sodass nun alle Besucher von Dalmanutha wieder einen freien Blick auf den See haben. Dass diese Arbeit buchstäblich in letzter Minute getan wurde, wurde uns bald darauf bewusst: Anhaltende Regenfälle ließen den See innerhalb einer Woche so schnell steigen, dass das Wasser nun wieder Dalmanutha umspült.
Ja, das Wahr-nehmen der Natur ist in Tabgha wirklich faszinierend: An Sonnentagen kann man beeindruckende Sonnenuntergänge und Wolkenspiele und manchen Regenbogen beobachten. An Regentagen erfährt man die Ohnmacht angesichts der Kraft des Wassers, wenn es sich auf den Plantagen und der Begegnungsstätte seinen eigenen Weg sucht. Dass wir einer Überschwemmung im neuen Beit Noah nur knapp entgangen sind, haben wir letztlich nur dem Einsatz unserer Zivis und den Arbeitern unseres Bauingenieurs Khalil Dowery zu verdanken: Sie bauten in großer Eile Barrieren aus Sand und Kies, die den Wassermassen einen anderen Weg wiesen. Dank der Aushebung und Reinigung des Flusslaufes in den Plantagen läuft nun das Wasser, das aus den Bergen seinen natürlichen Weg in den See sucht, einen geeigneteren Weg als über die Begegnungsstätte.
Dankbar bin ich für die Mithilfe unserer Zivildienstleistenden und Volontäre. Seit November wird unser dreiköpfiges Ziviteam, Christoph Rueß, Simon Joecks und Tim Schiller, durch den Volontär Bernward Bruns aus Hildesheim verstärkt. Die Wintermonate nutzten wir bisher, um einige Vorbereitungen für die neue Saison zu tätigen, die sich u.a. in der Gesamtgestaltung der Gartenanlagen rund um Beit Noah einfügten: So wurden die Palmen und Oleander zwischen Kirche und Pool beschnitten, sowie die Bäume, die bereits in den Pool ragten. Das alte Toilettenhaus am Beit Benedikt hat durch unsere Zivis neue Fliegengitter bekommen und so manche Aktion gegen das herunterfallende Winterlaub konnten wir gemeinsam durchführen. Auch die Zivis warten auf die Fertigstellung von Beit Noah: Dann können sie aus ihrer "Notunterkunft" im Gästehaus in die neue "Ziviworld" einziehen.
Die nächsten Wochen werden also mit vielen Reinigungsarbeiten und Umräumen von Möbeln geprägt sein. Dann kann es wieder im vollen Umfang losgehen mit der Arbeit auf der Begegnungsstätte. Dass dies so sein wird, zeigt uns schon jetzt der Belegungsplan: Von Juni bis September ist bereits alles ausgebucht. Hoffentlich ist es allen Gruppen gegeben, zu uns zu kommen, so dass die Absagen sich im Rahmen halten....
In meinem Arbeitszimmer steht ein Bild von Sieger Köder: "Sintflut" ist der Titel. Noah schaut aus seiner Arche und ein wunderbarer Regenbogen umgibt ihn und seine Arche. Drei weiße Tauben fliegen umher. Dieses Bild war es, das ich als erstes aus einer Kiste mit Postkarten in der Hand hielt, als ich am 10. Februar in mein neues Zimmer im Dachgeschoss von Beit Noah einzog.
Es ist ein Spiegel unserer täglich erlebten und erfahrbaren Geschichte, weit über Tabgha hinaus: In unserer Welt gibt es Ereignisse und Katastrophen, gibt es Tod und Tote, bekriegen sich Völker und Nationen, werden Menschen unterdrückt und ausgegrenzt. Nach wie vor gibt es auch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend eine latente Tendenz zur vielfältigen Ausgrenzung von Behinderten - wie es Prof. Dr. Hubertus Lutterbach in einem Artikel zum "europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung" im Jahr 2003 treffend beschreibt (Stimmen der Zeit; Heft 9).
Das Bild von der Arche Noah übersieht diese vielfältigen Untiefen nicht. Für uns Benediktiner und für mich als Leiter der Begegnungsstätte wird Noah jedoch zu einem hinweisenden Bruder: Er traut seinem Gott in den Stürmen der Zeit! Davon kündet letztlich der Regenbogen, der Himmel und Erde verbindet: Gottes treue Zusage an uns und die Verheißung einer Zukunft in allem Dunkel. Die weiße Taube sagt: Friede ist zwischen mir und euch!
Dass möglichst viele Menschen dies bei uns auf der Begegnungsstätte erfahren, wollen wir mit neuer Kraft, in neuen Räumen und in Seinem erneuernden Geist möglichst vielen ermöglichen: Behinderten Kindern und Jugendlichen, Frauen und Männern; Juden, Christen und Muslimen aus diesem Land; Palästinensern, und Israelis; Gästen aus dem Ausland, die geistliche Orientierung suchen und allen Frauen und Männern, die Tabgha als Herberge des Friedens für sich erfahren wollen.....
Wir freuen uns schon jetzt darauf, mit dieser Motivation die Arbeit der Begegnungsstätte ab März wieder in altbewährter Tradition und mit neuen Akzenten anlaufen zu lassen!
Auf Ihr begleitendes Gebet vertrauend und dankbar für alle großzügige Hilfe, die wir als Gemeinschaft, für das Beit Noah und für die Begegnungsstätte (nicht nur finanziell) erfahren, grüße ich Sie alle ganz herzlich aus Tabgha!
Br. Samuel Elsner OSB
Leiter der Begegnungsstätte
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