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25. Rundbrief - 21. März 2004
Drei vom Wind ausgeblasene Kerzen und ein Blumenstrauß im Zaun
Gedanken zum Selbstmordanschlag in Jerusalem am 22. Februar 2004
Heute Morgen.
Ein Anschlag.
Kurz vor zehn heulen sie wieder, die Sirenen.
Vor Mittag dann die Gewissheit: wieder ein Bus.
Wieder Tote, Schwerverletzte und
Dutzende "Kolateralschäden".
Die Nachricht macht mich nachdenklich.
Nach den Vorlesungen stehe ich in meinem Zimmer, schaue aus dem Fenster und überlege, was ich tun soll.
Was tun, an einem programm- und arbeitsfreien Nachmittag?
Business as usual?
Ich spüre, dass ich mehr Nähe zu Geschehnissen wie diesen brauche. Sonst bleibt es ebenso weit weg wie in Deutschland auch.
Der Entschluss fällt, nachmittags den Ort des Geschehens aufzusuchen; versuchen zu er-fahren, zu er-leben, was sich Stunden zuvor dort abgespielt hat. Keine Sensationsgier. Aber ein fast verzweifelter Versuch, die Realität zu be-greifen und sich nicht der schleichenden Illusion hinzugeben, es wäre nichts geschehen.
Björn, ein Kommilitone, begleitet mich. Meine Digi-Cam auch. Auf den eineinhalb Kilometern bis zum Tatort Gespräche über leicht zu lösende Probleme, Ideen und Lösungsstrategien, das Ende des Studienjahres betreffend.
Wo der Ort der Explosion ist, wird schnell durch zahlreiche Übertragungswagen, Stative auf Bürgersteigen und herrenlose Kameras klar. Dahinter eine kleine Kreuzung. Schräg gegenüber wird ein Haus sandgestrahlt. Zufall? Polizei ringsum, den Verkehr regelnd oder ziellos in der Gegend herumlaufend, manche einfach auch nur dastehend.
Trotzdem: Wir laufen vorbei. Wo sich Stunden zuvor eine gewaltige Explosion ereignete und zahlreiche Fensterscheiben zu Bruch gingen, laufen wir vorbei. Überqueren die Kreuzung in gespannter Erwartung, ein riesiges Loch in der Straße zu finden. Oder irgend so etwas eben. 30 Meter weiter eine Bushaltestelle. In der Straßenrinne Autofensterglas, Straßen- und Fußgängerbelag noch nass von irgendeiner Säuberungsaktion. Das hier ist es, sagt Björn. Meinst du, frage ich. Sonst nichts zu sehen: Keine zerbrochenen Fensterscheiben, kein verbogener Unterstellplatz oder eingedrückte Hauswand. Noch weiter zu gehen wäre sinnlos. Also langsames Zurückgehen. Wieder auf die Kreuzung zu. Und jetzt sehe ich sie: die zerfetzten Glasscheiben in standgehaltenen Fensterrahmen, den eingedrückten umgebogenen Gitterzaun am Gehweg; Menschen mit ausdruckslosen unbewegten Gesichtern, die hinter den Fenstern saubermachen; ein Vorgarten im Chaos. Die Hauswand auf der anderen Seite der Straße ist fast fertig sandgestrahlt. Kein Zufall, sondern durch die Wucht der Explosion sicher so mitgenommen, dass störende Rückstände sofort vernichtet werden müssen. Im oberen Stockwerk ein jetzt glasloses Fenster, auf dem Dach zwei suchende Polizisten.
Auf unserer Seite, in den Resten dessen, was einmal ein Gitterzaun war, ein Strauß aus roten und weißen Rosen. Dahinter, hinter einem zersprengten Fenster, ein zweistöckiges Wandregal, dessen Bücher zur Fensterseite förmlich in die Gegenrichtung weggeblasen sind. Im Anwesen daneben zwar keine erkennbaren Schäden, aber ebenfalls ein Blumenstrauß, hängend im Zaun und über drei vom Wind ausgeblasenen Kerzen.
Direkt vor dem Gitterzaun stand einmal ein Straßenschild. Es stand und steht schon wieder - frisch einbetoniert über den Spuren des morgendlichen Anschlags.
Nach langem Hinschauen lassen sich ein paar schwache Blutstropfen auf dem Gehweg ausmachen. Sonst nichts. Das war's. Um uns herum vorbeiziehende Passanten. Die wenigsten bleiben stehen oder halten inne. Keine betroffenen Gesichter, meist nicht einmal ein Wahrnehmen.
An der Kreuzung ein orthodoxer Sektierer-Jude hinter Riesen-Transparenten in unlesbarem Hebräisch. Ob er hier ist wegen des Anschlags, will ich wissen. Natürlich, sagt er und schaut mich mit erstaunten Augen an. Als ob das nicht so klar wie das Amen in der Kirche wäre. Ob es wegen der Publicity für seinen Kram ist, frage ich weiter. Wir protestieren, sagt er, gegen die Regierung.
Höre ich richtig? Ein orthodoxer Jude, der an dieser Stelle seinen Staat kritisiert? Wir protestieren gegen die Regierung. Diese ganzen Anschläge passieren immer dann, wenn unsere Regierung mit den Arabern verhandelt. Aha. Daher weht also der Wind. Zu größeren Nachfragen komme ich nicht, da Björn mich aus der Szene einer auf uns gerichteten Kameraeinstellung zieht.
Wir überqueren die Kreuzung. Der Kompressor der Sandstrahlmaschine macht ohrenbetäubenden Lärm. Die gesamte Szene liegt im Sandnebel, was ihrer Normalität wenigstens den Hauch von Chaos verleiht. Auf dem Mäuerchen vor der sandgestrahlten Fassade liegen drei Fastfoodverpackungen nebst einer halbvollen Trinkflasche. Außer der oberen scheinen die beiden unteren noch originalverpackt zu sein. Kein erkennbarer Besitzer weit und breit. Vergessen im Schock der Explosion und liegengelassen? Fragen kommen in den Sinn; sie werden unbeantwortet bleiben.
Meine Kamera bleibt in der Tasche. Diesmal bleibt sie drin.
Nach einer knappen halben Stunde des Verweilens und Aufnehmens kehren wir dem Ort den Rücken.
Noch filmen die Kameras Dinge, die es nicht zu sehen gibt.
Morgen wird hier wieder Alltag sein.
Ohne Kameras.
Ohne jegliche äußerlich feststellbaren Spuren.
Wir sind heute schon daran vorbeigelaufen.
Mir geht es gut. Baruch ha'Schem.*
Andere hatten heute weniger Glück.
Möge Gott mit ihnen sein.
* hebräisch für "Gepriesen sei sein Name",
soviel wie "Gott sei Dank"
Joachim Lauer, Studienjahr 2003/04
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