|
25. Rundbrief - 21. März 2004
Nachrichten aus Tabgha - Bericht des Priors
Lege dein Ohr auf den Boden…
...und erkläre dir die Geräusche, die rings um dich sind.
Was darin vorherrscht, sind unruhige und erregte Schritte...
Sie haben noch gar nicht angefangen die ersten Schritte der Hoffnung zu tun.
Presse dein Ohr noch mehr an den Boden.
Halte deinen Atem zurück.
Mach deine inneren Antennen frei:
Der Herr geht umher...
Diese Worte des früheren Erzbischofs von Recife (Brasilien), Dom Helder Camara, sind mir in meinem Noviziat nahe gebracht worden. Hier in Tabgha sind sie mir wieder in die Hände gefallen. Und es wundert mich nicht; denn sie passen gut hierher: "Presse dein Ohr noch mehr an den Boden…"
Liebe Freunde und Freundinnen unserer Gemeinschaft, Tabgha, der kleine Ort am Nordwest-Ufer des Sees Genesareth, 200 Meter unter dem Meeresspiegel, Lebensort Jesu und Ort der wunderbaren Brotvermehrung, bleibt eine Entdeckung, mit der man so bald nicht ans Ende kommt. Wie denn auch ? Jesus Christus zu verstehen, und sich von Ihm an Seinen Orten ergreifen zu lassen, bleibt eine endlose Bewegung des lauschenden und sich hingebenden Herzens.
So lädt Tabgha immer wieder Menschen ein, die Ohren noch mehr an den Boden zu pressen. Und sie tun es, weil es wie von selbst geschieht, wenn einen die Naturnähe "einholt", für mehrere Tage oder auch Wochen zur Einkehr hier zu bleiben. Der Ort Tabgha hat nicht weniger und nicht mehr zu bieten als sich selbst; keine Abwechslung an vielfältiger Kultur, keine sonstigen Highlights… Tabgha ist dieses Stückchen Natur am See, in sie hineingebaut, die wunderschöne und schlichte Brotvermehrungskirche, und ihre Jahrhunderte alte Erinnerung an die wunderbare Brotvermehrung. Hier kann einem die Pilgerfahrt ins Heilige Land zur Pilgerreise nach innen werden.
Gerade bei Einzelgästen, die für längere Zeit bei uns sind, fällt mir auf, dass ihre unruhigen Schritte mit der Zeit Schritte der Hoffnung werden, dass in ihnen der Herr umher geht, wie Dom Helder Camara schreibt. Hierauf lenkt schon der Heilige Benedikt in seiner Regel unsere Achtsamkeit: "Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus..." (RB 53,1.) Klingt das zu hoch gestochen? Ich glaube nicht; denn oftmals (nicht immer) sind es die Gäste, die uns, in ihren Reaktionen auf den Ort Tabgha an Tabgha selbst neu erinnern.
Und so bin ich dankbar, dass ich unter den Gästen inzwischen auch einige kennen lernen durfte, die früher hier in Tabgha für einige Zeit gelebt und gearbeitet haben; und ich versuche hinzuhören, wie sie den Ort Tabgha erlebt, wie sie ihn "gehört" haben.
Die Reaktionen sind recht unterschiedlich, da für jeden ein anderer Aspekt von Tabgha wesentlich geworden ist. Leben in Gemeinschaft betonen die einen, die Möglichkeit zum Rückzug und Einkehr die anderen. Wieder andere unterstreichen das soziale Engagement auf der Begegnungsstätte, andere die Stille der Natur. Interessant ist, dass sich die unterschiedlichen Reaktionen in den unterschiedlichen Aussagen des Evangeliums von Tabgha wiederspiegeln. Und wunderbar ist, dass sie sich ergänzen, wenn sie nacheinander und miteinander meditiert werden.
Die Aussagen wollen zunächst einzeln, für sich betrachtet werden:
So heißt Tabgha: "Kommt mit an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus."
Tabgha heißt auch: "Die Leute kamen noch vor Jesus und den Jüngern dort an."
Tabgha heißt unter anderem: "Jesus hatte Mitleid mit ihnen."
Tabgha heißt: "Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische."
Tabgha heißt: "Was ist das für so viele?"
Tabgha heißt: "Die Leute sollen sich setzen."
Tabgha heißt: "Jesus nahm die fünf Brote und zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern."
Tabgha heißt: "Gebt ihr ihnen zu essen."
Tabgha heißt: "Alle aßen und wurden satt."
Tabgha heißt auch: "Als die Jünger die Reste einsammelten, wurden zwölf Körbe voll."
Und Tabgha heißt nicht zuletzt: "Jesus zog sich wieder auf den Berg zurück, er allein."
Wenn wir das Ohr noch mehr an den Boden pressen, hat jede Aussage ihren eigenen Klang. Im Ein-Klang der sich ergänzenden Botschaften kommen wir Jesus selber näher, dem Einsamen, dem von Menschen Bedrängten, dem Erbarmer, dem Ernährer, dem Heiland und Friedensstifter, ... dem Sohne Gottes.
70 Jahre im Heiligen Land: was bleibt, ist die Dankbarkeit
Ein Moment dieses Ein-Klangs kam ins Schwingen als unser "Patriarch von Tabgha", P. Hieronymus, zu seinem Festtag, am Sonntag den 5.Oktober 2003, die Predigt hielt. Wir feierten mit ihm seine Ankunft im Heiligen Land mit dem Schiff im Hafen von Jaffa (heute bei Tel Aviv) vor 70 Jahren. P. Hieronymus war damals 12 Jahre alt und kam auf einem Frachtschiff mit 15 Mitschülern des Knabenseminars der Franziskaner in Alcamo (Sizilien). Das Seminar wurde nach Emmaus Qubeibe bei Jerusalem verlegt. Ein Jahr zuvor hatte er mit einem Franziskaner seine Heimat Kroatien verlassen, die er übrigens in diesen Tagen zu seinem 83. Geburtstag auch wieder besuchen konnte. P. Hieronymus lebt inzwischen über 50 Jahre hier am Ort.
|
| Für 70 Jahre Leben, Beten und Arbeiten im Heiligen Land hat P. Hieronymus gedankt |
Aus seiner Predigt zum Festtag sind mir einige Verse im Gedächtnis geblieben, die mich sehr berührt haben: "Hier in Tabgha kreuzen wir immer wieder die Wege Jesu… Der Rückblick auf meine vielen Jahre hier, ist nicht so wichtig. Da bleibt nur die Dankbarkeit... Es geht um den Blick nach vorne… Es geht darum, dass die Gnade hier am Ort weiter fließen kann… Und ich sehe, dass es in der Zukunft weiter geht… "
Zum Fest hatten wir einen früheren Klassenkameraden von P. Hieronymus, den Franziskaner, P. Anton Foley OFM, aus Jerusalem eingeladen. Er war als Kind ein Jahr vorher mit dem Schiff in Jaffa angekommen, und leitet schon seit vielen Jahren bis heute eine Schule für arabische Waisenkinder in der Nähe des Neuen Tors der Jerusalemer Altstadt.
Zuvor, am 21. September 2003, kam Br. Samuel aus der Abtei in Jerusalem zur Verstärkung unserer Gemeinschaft nach Tabgha. Nach seinem Anerkennungsjahr in Scheyern (Bayern) als abschließenden Teil seiner Ausbildung zum Gemeindereferenten leitet er heute unsere Begegnungsstätte. Als Organist und ursprünglich gelernter Elektriker kommen ihm und uns seine Talente hier vielfältig zugute.
Nach einigen Wochen Zeit zur Übergabe der Leitung der Begegnungsstätte haben wir uns am 15. Oktober 2003 von unserem P. Matthias in einem lang ausklingendem Lagerfeuer-Fest verabschiedet. P. Matthias ist als Priester wieder in seine Diözese Regensburg zurückgegangen. Wir sind ihm für sein Engagement auf der Begegnungsstätte sehr dankbar. Er hatte gemeinsam mit unseren Zivildienstleistenden die besondere Herausforderung zu bewerkstelligen, parallel zur Bauphase des neuen Beit Noah arabische und israelische Behinderten- und Nicht-Behinderten-Gruppen zu beherbergen. Matthias Karl bleibt uns über persönliche Kontakte hinaus u.a. auch deshalb verbunden, weil er inzwischen der Diözesanvorsitzende des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in seiner Diözese Regensburg geworden ist.
Am Fest der Hl. Therese von Lisieux, dem 1. Oktober 2003, feierten wir in einer gemeinsamen Eucharistiefeier mit allen Brüdern und philippinischen Schwestern den Beginn des klösterlichen Lebens von Sr. Benedicta Pöppelmeyer OSB und Rosemarie Grote in Tabgha. Nach Abschluss der Renovierung konnten beide zu Weihnachten in ihre Klausur ins Beit Magadan einziehen.
Brotvermehrungsfest 2003
Am zweiten Samstag im November verwandelte sich Tabgha in das Brotvermehrungsfest der einheimischen Christen. Ich bin sehr froh zu spüren, dass die Christen Galiläas den Festtag für sich und unsere Gemeinschaft am Ort inzwischen angenommen haben. Schon lange bevor der Gottesdienst begann, reiste aus Jerusalem unser Patriarch Michel Sabbah mit seinem Generalvikar Weihbischof Kamal-Hanna Bathish an. Beide konnten vor dem Gottesdienst lange in Dalmanutha am Seeufer verweilen, derweil sich die Kirche füllte und im Rosenkranzgebet "warm gebetet" wurde. Weihbischof Marcuzzo, der aus Nazareth gekommen war, gratulierte unserer Gemeinschaft von Tabgha zur Erhebung zum Priorat. Die Messe feierten wir vornehmlich in arabischer Sprache, kräftig unterstützt durch einen Jugendchor aus Reneh bei Nazareth. In seiner Predigt motivierte der Patriarch seine Zuhörer, in dieser angespannten Zeit zwischen Israelis und Palästinensern, das eigene christliche Identitätsgefühl und -bewusstsein zu bewahren und den Glauben zu stärken.
|
| Brotvermehrungsfest 2003 |
…an heiligen Stätten den Frieden neu lernen…
Ich frage mich, was die Situation der Christen im Heiligen Land für uns Christen weltweit bedeuten kann: an erster Stelle, sich im Gebet mit der Kirche von Jerusalem zu verbinden, sie an zweiter Stelle durch Präsenz und Besuche im Heiligen Land zu unterstützen, und schließlich an dritter Stelle, ihr materielle Hilfe zukommen zu lassen, wie es schon in der Zeit des Heiligen Paulus notwendig war. Die Arbeitslosigkeit ist heute mit Abstand am Höchsten unter der christlichen Minderheit anzutreffen.
Ich glaube, dass das wirkliche Interesse am Heiligen Land zunächst eine geistliche Angelegenheit ist, wenn ich die Frage an mich heran lasse, ob das Heilige Land für meinen Glauben eine Bedeutung hat; und welche Konsequenzen es für das Christentum überhaupt haben kann, wenn der Ursprungsort des Christentums schleichend und unaufhörlich ent-christlicht wird, da viele christliche Familien das Land verlassen. Die Entwurzelung des gesamten Christentums in Israel und Palästina erleben die einheimischen Christen in sich selber auch. Zur Kirche von Jerusalem zu gehören, d.h. zur "Kirche am Fuße des Kreuzes", wie unser Patriarch sie benennt, ist nicht mehr nur eine Frage der Geburt, sondern der Entscheidung, und betrifft auch uns ausländische Ordensleute, die wir hier leben. Von daher ist es mir ein großes Anliegen neben den israelischen und palästinensischen Behinderten in Zukunft auch einheimische christliche Jugendliche ins neue Beit Noah einzuladen. Möge Tabgha ein Ort sein, wo wir das Vertrauen in den Frieden neu lernen können, das vielen Jugendlichen abhanden gekommen ist, wie mir unser Bischof aus Nazareth besorgt erzählte. Vergegenwärtigen wir uns über den politischen und gewaltsamen Konflikt hinaus auch diese Realität, wenn wir an das Heilige Land denken.
|
| Das neue Beit Noah |
Mein Wort des Jahres: "Bausitzung"
Nun weiter einige Nachrichten aus dem Leben unserer Gemeinschaft: Mitte Dezember waren wir froh, unseren P. Jonas, meinen Stellvertreter und Gastpater des Klosters, nach seinem dreimonatigen Sprachkurs in England wieder unter uns zu haben. Br. Franziskus musste wegen einer Rückenbehandlung für vier Wochen nach Deutschland, wo er in der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg herzlich aufgenommen und gut versorgt wurde. Br. Makarius kam in diesen Tagen von einer Ägyptenreise mit unseren Mitbrüdern aus der Abtei in Jerusalem bereichert wieder nach Hause. Auf den Spuren der alten Mönchsväter Paulus und Antonius in der Thebais, besuchten die Brüder u.a. auch das Wüstenkloster seines Namenspatrons Makarius in der Sketis.
Wollte ich aus meinem Terminkalender ein Wort des Jahres wählen, würde das Wort "Bausitzung" den ersten Preis gewinnen. Unzählige Male haben wir mit unserem Bauunternehmer Khalil Dowery (Nazareth), dem beratenden Schweizer Architekten aus Jerusalem, Gerhard Riedwyl, und dem Bauingenieur Walid Haj (Nazareth), neben Klima- und Elektroingenieuren aus Haifa und Nazareth zusammen gesessen. Trotz Sprachensalat aus Deutsch, Arabisch und vornehmlich Englisch, zeigt sich am fast fertigen neuen Beit Noah, dass wir einander verstanden haben. Ich bin froh und dankbar, wie solide und schön das neue Gästehaus für unsere behinderten Gäste geworden ist. An dieser Stelle danke ich den vielen Wohltäterinnen und Wohltätern, die uns in den letzten Monaten geholfen haben, so dass wir weiterbauen konnten. Insbesondere denke ich an die unzähligen Sternsinger, Mädchen und Jungen, die Anfang dieses Jahres den Segen in die Häuser getragen haben, und von deren Erlös über das Päpstliche Kindermissionswerk ein Teil unserem neuen Beit Noah zugute kommen konnte.
Ein großer DANK geht auch an unsere philippinischen Mitschwestern. 1994 sind sie nach Tabgha gekommen, und haben über ein Jahrzehnt hindurch die benediktinische Präsenz vor Ort unterstützt und mit durchgetragen in Gebet, Arbeit und Gastfreundschaft. Am 31. Januar 2004 beendeten die Schwestern ihren Dienst in unserem Kloster. Sie baten darum, um sich in Zukunft von Tabgha aus verstärkt in der Seelsorge unter den philippinischen Gastarbeitern im Land einsetzen zu können. Ca. 30.000 Filipinas und Filipinos leben im Raum Haifa und Tel Aviv. Allen philippinischen Schwestern der "Congregation of the Benedictine Sisters of the Eucharistic King", die in den letzten Jahren hier am Ort in wechselnder Besetzung mit uns gelebt und gearbeitet haben, sage ich, auch im Namen meiner Vorgänger, P. Stefan Vorwerck OSB, P. Winfried Mayr OSB und P. Remigius Rudmann OSB, ein herzliches Vergelt's Gott!
Liebe Freundinnen und Freunde unserer Gemeinschaft, der Ort Tabgha hat nicht weniger und nicht mehr zu bieten als sich selbst. Wenn wir hier unser Ohr auf den Boden legen, spüren wir, dass bei all den Ereignissen und bei allem Wandel der Ort selber und seine Botschaft gleich bleiben, so wie sich einem der See von Dalmanutha aus täglich anders zeigt, und doch derselbe bleibt, eben die "Harfe Gottes", wie ihn die Juden nennen, bzw. das "Auge Gottes", wie die Muslime sagen.
Im Vertrauen auf den Herrn, der umher geht,
grüße ich Sie,
verbunden im Gebet um SEINEN FRIEDEN,
Ihr
P. Jeremias Marseille OSB
|
|