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26. Rundbrief - Oktober 2004
Überraschende Begegnungen
Von Afrika bis nach Tabgha
"Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden
wie Christus; denn er wird sagen: 'Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen'.
Allen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im
Glauben und den Pilgern." (RB 53,1-2)
Diese Sätze schreibt uns Benediktinern der hl. Benedikt in unser
eigenes Gästebuch, besonders jedoch denen, die für Gäste
Verantwortung tragen. Es ist eine stets neue Herausforderung, in allen
Anforderungen einer kleinen Kommunität dieser Weisung gerecht zu
werden.
Auf diesem Hintergrund
schreibe ich als Gastpater diese Gedanken und aus der Erfahrung, wie überraschend
die Begegnung mit Christus sein kann, wenn Gäste, "Fremde oder
Pilger ankommen".
Es war ein warmer Frühlingstag. Einige Gäste wohnten in unserem
Gästehaus und kamen ins Schwärmen, wenn sie von ihren Unternehmungen
berichteten: Berg der Seligpreisungen, Kapernaum, Banias, Nazareth, der
Tabor und natürlich Tabgha. "Seine Botschaft ist uns neu aufgegangen,
wir haben sie ganz neu an den verschiedenen Orten gehört", so
sagten sie.
Frühling in Galiläa, die schönste und angenehmste Jahreszeit
und immer wieder die spontane Äußerung von Pilgern und Touristen,
aber auch Juden, Christen und Muslimen aus dem Land: "This is a peaceful
pleace!"
Unser Atrium begrüßt die Menschen freundlich und bereitet sie
mit seinen Licht durchfluteten Bogengängen, dem Olivenbaum in der
Mitte, und dem kleinen Wasserbecken mit den sieben Wasser speienden Fischen
hörend und sehend auf den Eintritt in die Kirche vor. Frieden umfängt
die Menschen, die aus der ganzen Welt hierher kommen, um etwas von dem
zu erahnen, was vor 2000 Jahren der Mann aus Nazareth hier in Galiläa
grundgelegt hat. Seine Botschaft schafft Begegnungen!
Menschen aus Indien, Frauen in ihren kostbaren Saris, ziehen ihre Schuhe
aus und betreten äußerlich vorbereitet den Kirchenraum, um
so zu beten und die Botschaft von der wunderbaren Brotvermehrung zu hören.
Afrikanische Gruppen, vornehmlich aus Nigeria, mit bunten Kleidern und
Gewändern, halten inne auf ihrem Fünf-Tage-Trip durch das Heilige
Land und legen Gebetsbitten nieder, damit sie auch nach ihrer Reise präsent
bleiben.
Russisch- oder griechisch-orthodoxe Christen füllen die Kirche mit
ihren sonoren Gesängen, zünden dünne Wachskerzen an, die
sie vor die Christus- und die Marien-Ikone stellen, und küssen und
verehren den alten Stein, der an das Hiersein Jesu erinnert.
Oft und oft spielen Berührungen in der glaubenden Verehrung des Ortes
eine unverzichtbare Rolle, als wolle man tief im Innern auf diese Weise
etwas hinüber retten in den alltäglichen Glauben.
Koreanische Christen, aber auch Menschen anderer asiatischer Religionen
und Länder besuchen unseren Ort und drücken auf ihre Weise die
Suche und Begegnung mit Christus oder die Begegnung mit Jesus und seiner
Botschaft aus.
Drusische Familien aus dem Golan, die Frauen das Gesicht in einen weißen
Schleier gehüllt, die Männer eine weiße Kopfbedeckung
tragend, kommen in unsere Kirche und sagen: "Dies ist ein gesegneter
Ort, hier bitten wir um den Segen für unsere Familien und das Leben."
Europäer oder Amerikaner sind mit dem Betasten und Berühren
des Steines unter dem Altar oder des Mosaiks von den fünf Broten
und zwei Fischen zurückhaltender. Sie begeistert eher der schlichte
Kirchenraum und die beredte Sprache der Säulen und Steine und der
unzähligen Mosaiksteinchen, die je für sich und im Zusammenspiel
ein Bild für unsere Kirche als "geistiges Haus aus lebendigen
Steinen sind" (1 Petr 2,5).
Und viele Menschen aus der ganzen Welt sind auf der Suche nach Sinn, nach
Begegnung, nach erfülltem Leben und der Begegnung mit Christus in
seinem Wort und an den Stätten seines Wirkens. - So auch Alexandre
und Sonia Poussin, die an einem Samstag suchend in unserem Atrium stehen.
Ich begrüße sie im Vorübergehen und komme mit ihnen ins
Gespräch. Sie sind Franzosen, kommen aus Paris, ich habe sie schon
vor einigen Tagen am Toten Meer in der Hitze wandern sehen. Einen langen
Fußweg haben sie hinter sich. Sie tragen nicht viel mit sich, jeder
einen Rucksack und eine Kamera, vor allem aber sich selbst. Man sieht
ihnen an, dass sie eine ganze Zeit lang draußen in der Natur lebten:
Haut und Haare zeugen von viel Sonne, Luft und Licht. Sie sind glücklich
und froh, am Ziel ihres langen Weges angekommen zu sein, und sie sind
begeistert von unserem Ort. Weil es schon gegen Abend ist, lade ich sie
ein, in unserem Gästehaus zu bleiben und hier ein wenig zu verweilen
und sich auszuruhen.
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P. Jonas und P. Jeremias mit dem Ehepaar Alexandre
und Sonia Poussin
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Nach einigen Sätzen stellt sich heraus, dass sie einen Afrika-Trek
hinter sich haben, der im Heiligen Jahr 2000 am Kap der Guten Hoffnung
an der Südspitze Afrikas begonnen und nun hier am Berg der Seligpreisungen
nach drei Jahren seinen Zielpunkt gefunden hat. Ich bin total sprachlos
über dieses Unternehmen. Ich kann sie nur noch einladen, mit uns
morgen, am Sonntag, die Heilige Messe in Dalmanutha am See zu feiern.
Alexandre und Sonia sind gerne dabei und erzählen voller Dankbarkeit
über die gemachten tausendfältigen Erfahrungen und Begegnungen
mit Schöpfung und Mensch auf ihrem Weg durch Afrika, der für
sie sehr abenteuerlich, aber auch überaus gesegnet war.
Nicht nur ich bin begeistert von dieser Idee und von diesen beiden Menschen,
die Nachricht geht wie ein Lauffeuer durch Kloster und Gästehaus.
Wie heißt es noch in der Benediktsregel: "Alle Fremden, die
kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus...Allen erweise man die
angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern."
Im Eintrag in unser Gästebuch geben Alexandre und Sonia selbst die
Antwort, was das bedeutet. Für mich und uns alle ist es der schönste
Dank für diese überraschende Begegnung "mit Christus".
Am 1174. Tag ihres Weges durch Afrika schreiben sie:
Africa Trek in the footsteps of man 13.874 km on foot from the Cape
of Good Hope to the Mount of Beatitudes.
Because at the turn off of the Millennium the world needs a lot of good
hope, and good hope might be the ninth Beatitude.
We had plenty to reach here thanks Gods' Providence and help.
Every day on our pilgrimage it provided us with "a saviour of the
day", poor, hungry, inviting us in a poor hut, but offering us shelter
and food.
Africa has been wonderful to us.
(Übertragung: "Afrika-Trek in den Fußspuren der Menschheit,
13.874 km zu Fuß vom Kap der guten Hoffnung zum Berg der Seligpreisungen.
Weil an der Wende des Jahrtausends die Welt soviel gute Hofnung braucht,
und möge gute Hoffnung die neunte Seligpreisung sein. Wir hatten
reichlich davon, so dass wir hier ankommen konnten, Dank der Vorsehung
und der Hilfe Gottes. Jeder Tag unserer Pilgerreise brachte uns einen
'Retter (Erlöser) des Tages': arm, hungrig, eingeladen in eine ärmliche
Hütte, aber man bot uns Schutz und Essen an. Afrika war so wundervoll
für uns.")
Tabgha ist ein gesegneter Ort der Begegnung!
Kirche, Gästehaus, Dalmanutha, der See und wir Benediktiner laden
zu Begegnungen auch im Sinn der "neunten Seligpreisung" herzlich
ein.
P. Jonas Trageser OSB
Gastpater
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