Dormitio-Abtei > Gemeinschaft > Rundbriefe > Rundbrief 26
> Tabgha: Aus dem Leben unserer Begegnungsstätte

26. Rundbrief - Oktober 2004

Tabgha: Aus dem Leben unserer Begegnungsstätte

Begegnungen und Begegnungen

Das Beit Noah ist fertig gestellt!
Dankbar schauen wir im Kreis der Brüder und aller Beteiligten auf den Neubau des Hauses, der sich so gut in den Garten unseres Klosters einfügt, dass es einem schwer fällt sich vorzustellen, wie es vorher an dieser Stelle aussah!
Dankbar sind wir von Herzen all jenen, die das Anliegen von Beit Noah mit ihrer Gabe unterstützt haben! Der Begegnungsstätte von Behinderten und Jugendlichen in dieser schweren Zeit ein neues Heim zu geben, war wirklich eine große Herausforderung für uns alle.
Die große Dankbarkeit, die ich Ihnen persönlich leider nur in diesen wenigen Sätzen mitteilen kann, gebe ich aber gerne gefüllt von den Endrücken aller Bewohner von Beit Noah weiter: Behinderte Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer; Juden, Christen und Muslime aus diesem Land; Palästinenser, und Israelis; Gäste aus dem Ausland, die geistliche Orientierung suchen, und alle Frauen und Männer, die Tabgha als Herberge des Friedens für sich erfahren wollen… Sie alle freuen sich mit uns!

Bereits im letzten Rundbrief habe ich diesen letzten Satz formuliert. Für mich ist er die prägnanteste Zusammenfassung all jener, die Tabgha in ihr Herz geschlossen haben. Was es jedoch heißt, Tabgha als Herberge des Friedens für sich zu erfahren, sieht von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich aus.
Gruppen, die aus den besetzten Gebieten oder aus dem "Schatten des Mauerbaus" kommen, erleben Tabgha zuerst als Ort der Freiheit. Hier dürfen sie sein, wie sie sind. Hier dürfen sie jederzeit herumlaufen und sind an keine Ausgangssperre gebunden. Andere kommen nach Tabgha mit ihrer Angst und können diese zunächst nur schwer ablegen und wollen deshalb manchmal schon vor der Anreise wissen, welche Gruppe noch auf dem Platz ist…
Sich einander begegnen das hat in den letzten Monaten verschiedenste Gesichter gehabt, von denen ich gerne erzähle:

"The Father's Heart"


Dieses Jahr durften wir wieder eine Gruppe vom "House of Light" bei uns begrüßen. In der Nähe von Nazareth beheimatet, treffen sich dort regelmäßig arabische und jüdische Kinder und Jugendliche. Einige von ihnen gehören zu den "Kings Kids". "Gott kennen und bekanntmachen" unter diesem Motto schafft das "House of Light" für Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, eine persönliche Beziehung zu Gott zu entwickeln und sich darüber auszutauschen.
Zu uns kam die Gruppe, um eine Performance mit dem Titel "The Father's Heart" einzustudieren, die sie dann am Abschlussabend gemeinsam ihren Familien unter der Pergola von Beit Noah präsentierten. Wir, das Begegnungsstätten-Team und die Brüder und Schwestern vom Kloster bekamen am Nachmittag schon einen kleinen Vorgeschmack der Darbietung, die im wahrsten Sinne des Wortes sehr zu Herzen ging. Ganz ohne Worte, nur in Musik, Mimik und Tanz vermittelte sie ihre Botschaft.
Besonders anrührend war die Darstellung vom Kampf zwischen dem Guten und Bösen, dargestellt in dezenter Verkleidung. Sie spiegelte wieder, was wir in unserer Welt und in unserem Land täglich erfahren können. Wie befreiend dahinein die Botschaft Gottes sein kann, wurde unmissverständlich deutlich. Ein berührender Nachmittag für uns alle!

Im Juni konnten wir wieder Diet Koster und ihre "Großfamilie" aus El'Aizarye (Abu Dis) begrüßen, wo sie kaum einen Kilometer von der Mauer entfernt leben. Bis sie tatsächlich ankamen, habe ich gezweifelt, ob sie kommen würden zu oft gab es dieses Jahr schon enttäuschte Anrufe von Gruppen aus der Westbank, denen die Ausreise verweigert wurde. Umso größer war dann die Freude, in Tabgha anzukommen, auch wenn einige von den 43 Teilnehmern wegen fehlender Ausreisepapiere quasi nach Tabgha geschmuggelt wurden…
Diet hat mir freundlicherweise erlaubt, aus ihren Tagebuchaufzeichnungen zu zitieren und ich möchte Sie gerne daran teilhaben lassen. Unter Mittwoch, dem 23. Juni 2004 hat sie Folgendes eingetragen:

Tabghaleben: Kiloweise Makeroni und Ketchup, Riesengetümmel im Pool, 2 kleine Brüder haben die Masern und sind voller Pickel, die erste Klopperei zwischen zwei Freunden (8 und 10 Jahre alt; als die zwei schon wieder längst im Pool spielten, diskutierten die Eltern immer noch heftigst...) 4 Uhr. Ich sitze draußen, trinke ein Bier und lese im Tagebuch von Etty Hillesum weiter. Eine andere Welt und zugleich irgendwie so nahe, so nachfühlbar: "aber ich weiß: auch wenn uns nur eine enge Gasse bleibt, wodurch wir gehen dürfen, über diese Gasse ist der ganze Himmel anwesend". Und auch: "Mein Tag besteht manchmal aus 100 Tagen!" So empfinde ich es manchmal auch. Hier in Tabgha geht es besser, weil kein Radio und Fernseher; der Alltag von draußen, von diesem furchtbaren Kriegsland ist weit weg. Die Geschichten, die es gibt, spielen sich alle hier auf diesem kleinen Fleckchen Erde ab…

Szenenwechsel: Am 10. Juli 2004 haben wir zum zweiten Mal in der Brotvermehrungskirche mit christlichen Jugendlichen aus Nazareth ein Taizé-Gebet gestaltet. In der Osterzeit waren P. Jeremias und ich in unserer Kirche mit drei Jugendlichen aus Nazareth ins Gespräch gekommen, die von ihren Besuchen in Taizé berichteten. Im Laufe des Gesprächs entstand der Gedanke, in Tabgha mit ihnen gemeinsam zweimonatlich ein Taizé-Gebet zu gestalten. So verbrachten wir nun singend und schweigend den zweiten Abend im Gebet vor dem Mosaik und dem Stein der Brotvermehrung. Anschließend war nach der Hitze in der Kirche eine Abkühlung im Pool notwendig, woran sich ein langes Gespräch über die arabische und westliche Lebensgestaltung anschloss.

Taizégebet in Tabgha



Am 11. Juli, dem Fest des Heiligen Benedikts als Patron Europas, verabschiedeten wir unsere bisherigen Zivildienstleistenden Christoph Ruess, Simon Joecks und Tim Schiller mit einem gemeinsamen Grillabend auf der Begegnungsstätte. An dieser Stelle möchte ich ihnen auch im Namen meiner Brüder nochmals für alles danken, was sie für unsere Begegnungsstätte in dieser Zeit getan haben. Gerade der Bau und die Fertigstellung von Beit Noah forderten noch mehr als sonst die Aufmerksamkeit und Flexibilität im Alltagsleben der Begegnungsstätte. Dankbar sind wir auch immer wieder für die Hilfe unserer Volontäre, die für eine Zeit mit uns leben und uns in unserem Alltag unterstützen: Robert Kirkskoten im Gästehaus und Bernward Bruns auf der Begegnungsstätte! Allen wünschen wir nun wieder einen guten Start in Deutschland.

Dass es in Israel auch noch andere Orte der Begegnung gibt, wurde mir bewusst, als ich mit unseren drei neuen Zivis, Andreas Hartl, Markus Scharte und Martin Stallkamp gemeinsam für drei Tage zu einer "Kennenlern-Tour" am Roten Meer und im Negev unterwegs war. Wir erlebten die feiernde und tanzende Masse, die auf dem Roten Meer mit einem Techno-Boot unterwegs war und unserem ruhigen Schlaf im Zelt auf dem Zeltplatz ein jähes Ende setzte: Eilat eine Metropole für alle, die Lust am bunten Leben in Saus und Braus haben.
Froh waren wir alle, als wir die Stille von Timna erlebten, wo nichts zu hören war, außer "dem eigenen Blutfluss in uns selbst", wie es einer der Zivis feststellte. Wir erlebten in Tiberias den gemeinsamen Abschlussabend in einem Chinesischen Restaurant: Von den Nachbargrundstücken war wieder lautstarke Partymusik zu hören....

Tabgha unterscheidet sich zum Glück von diesen Partyorten: "This is a peaceful place!" Die Menschen, die dies bei uns in Tabgha feststellen, spüren die Liebe, die diesem Ort immer wieder zuteil wird, denn friedvolle Orte bedürfen auch einen friedvollen und liebevollen Umgang: In Tabgha ist kein "Technobuster" notwendig, um in Stimmung zu kommen! Tabgha bietet die Botschaft Gottes, die Kirche, das Kloster, den wunderschönen Garten, den Pool, das neue Beit Noah und vor allem den See Genezareth…
Dass dies unter anderem auch vermehrt von den einheimischen Christen wahrgenommen und geschätzt wird, ermöglicht uns eine noch tiefere Einwurzelung in diesem Land, auch im Hinblick auf den Kontext der verschiedenen Nationen und Religionen. Denn: Das uns alle Einende und Verbindende bleibt immer gleich und dessen Betonung in unserem täglichen Chorgebet ist zugleich unsere Motivation für all unser Bemühen auf der Begegnungsstätte: Dem einen Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Möge ER mit Seinem Segen all unsere Begegnungen begleiten, dass möglichst viele in ihren engen Gassen den ganzen Himmel erleben.
Ihnen allen einen herzlichen Gruß und ein herzliches Willkommen in Tabgha!

Br. Samuel Elsner OSB
Leiter der Begegnungsstätte