Dormitio-Abtei > Gemeinschaft > Rundbriefe > Rundbrief 26
> Tabgha: Bericht des Priors

26. Rundbrief - Oktober 2004

Nachrichten aus Tabgha - Bericht des Priors

Tabgha: Kirche auf dem Weg und Kirche am Weg

Liebe Freunde unseres Freundeskreises, liebe Leserinnen und Leser unseres Rundbriefes!

Herzlich grüße ich Sie aus Tabgha. Heute möchte ich Sie direkt in unsere Brotvermehrungskirche führen und Ihren Blick auf den großartigen alten Mosaikboden lenken, näherhin auf zwei Stellen, zwei Inschriften, die allerdings nicht direkt ins Auge fallen: Eine direkt neben dem Altar: "Zum Gedächtnis und zur Seelenruhe des Stifters, des heiligen Patriarchen Martyrios..."; die andere vor dem Eingang zur Sakramentskapelle: "Dem heiligen Orte (gewidmet). Gedenke, o Herr, des Sauros." Hier wird ein zweiter Stifter der byzantinischen Basilika aus der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert erwähnt. Offensichtlich mussten die Mittel für den frühen Kirchbau von mehreren Stiftern zusammengetragen werden. Das Leben am Ort der wunderbaren Brotvermehrung atmete immer schon aus dem Teilen der Vielen und der Teilhabe der Vielen an dem Einen, an der Person und der Botschaft Jesu Christi. Das Heilsgeheimnis des Ortes weist uns den Weg zum Leben an diesem Ort bis heute.

Die Ausgrabungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben den alten Ort des Teilens und der Teilhabe nach seinem 1300 Jahre währenden Tiefschlaf wieder zum Leben erwachen lassen. Seit her lebt Tabgha wieder wie zu frühchristlichen Zeiten als "Kirche auf dem Weg" für die, die bleiben, und als "Kirche am Weg" für die Pilger, zusammengeführt und "genährt" aus der lebendigen Mitte der täglichen Eucharistie und des sich durch den Tag ziehenden Stundengebetes. Schon frühe Zeugnisse belegen die Existenz eines Klosters in der Nähe, das den Namen "Heptapegon", Siebenquell, trug.

Die bunte Vielfalt und oft auch Gegensätzlichkeit in der Begegnung mit Pilgern und Gästen unterschiedlichster Herkunft bleibt ein wunderbares Phänomen von Tabgha. Hierin benediktinische Kontinuität zu leben, ist uns Brüdern und Schwestern eine tägliche Herausforderung und hilft zugleich, dem unveränderbaren Angelpunkt, Christus Jesus selbst und Seiner Botschaft, immer wieder neu auf die Spur zu kommen.

Das durch das II. Vatikanische Konzil erneuerte Verständnis von Kirche als Communio ist hier ein tägliches Übungsfeld, so wie schon der hl. Benedikt die Personalgemeinde des Monasteriums als geistliche Werkstatt und Schule für die Gemeinschaft wie für den Einzelnen beschreibt, auch (und vielleicht gerade) im Umgang mit den Gästen, die das Monasterium als "Kirche im Kleinen" besuchen.

Tabgha als Kirche auf dem Weg für die einen und als Kirche am Weg für die anderen zeigte sich uns in diesem Frühjahr und Sommer in verschiedenen Gesichtern. Drei davon möchte ich herausgreifen, Br. Samuel und P. Jonas erzählen in ihren Beiträgen von weiteren.

Kirche und der Weg von Ostern

Das Hochfest der Auferstehung Jesu Christi erlebten wir in der Osternacht als bewegte Kirche: Mit mehr als 100 Gästen aus dem benachbarten Pilgerhaus des DVHL und dem Kloster wurde die Liturgie in den frühen Morgenstunden ein Fest der äußeren und inneren Bewegung des Glaubens. Unser Weg begann mit der Lichtfeier am Osterfeuer vor dem Atrium der Kirche. In der Kirche geleitete uns dann Pfarrer Ludger Bornemann (geistlicher Leiter des Pilgerhauses) durch die Lesungen des Alten Testamentes. Nach dem Gesang des Osterevangeliums, in den bereits die ersten Vögel mit einstimmten, zogen wir bei Sonnenaufgang zur Feier der Eucharistie nach Dalmanutha an das Seeufer, wo sich der Auferstandene den Jüngern offenbarte: "Als die Jünger an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gefangen habt… und sagte: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch." (Joh 21, 9-13)

Erfüllt vom Ostergeheimnis des Ortes pilgerten wir zurück in die Kirche, um am Altar über dem "heiligen Stein" den Segen zu erbitten. Das benachbarte Pilgerhaus lud anschließend zum ausgedehnten Osterfrühstück ein: Tabgha als Kirche auf dem Weg.

Nonnen und Mönche aus Deutschland und dem Heiligen Land begegnen sich.


Im Rahmen eines Tages der benediktinischen Begegnung haben wir in der Osteroktav (16. April 2004) die Vesper in deutsch und französisch gefeiert, gemeinsam mit den Benediktinern und Benediktinerinnen aus Abu Gosh, unseren Mitbrüdern aus der Abtei in Jerusalem und 29 kontemplativen Ordensfrauen, vornehmlich Benediktinerinnen, sowie Carmelitinnen und Klarissinnen aus Klöstern der Diözese Münster, die mit den Bischöfen Reinhard Lettmann (Münster) und Heinrich Mussinghoff (Aachen) gekommen waren. Es begegneten sich stabile Klöster, die sich auf den Weg gemacht hatten. Für uns Tabghanesen war es ein Tag der monastischen Freundschaft und Ermutigung, den ich nicht vergessen werde.

Kirche und der Weg des Friedens

Die Liebe Gottes, die alle Erkenntnis übersteigt und die in der Kirche als Raum und Wirklichkeit der Tat Gottes Realität werden kann, lässt sich nicht organisieren und machen, sie kann sich einem nur schenken. Das wurde uns einmal mehr am Kirchweihfest zur Erfahrung (23. Mai 2004), als unser Ortsbischof aus Nazareth, Giacinto Boulos Marcuzzo, das neue Beit Noah gesegnet und eingeweiht hat. Schon am Tag der Einweihung der Brotvermehrungskirche vor 22 Jahren wurde hervorgehoben, dass der Geist dieses Ortes besonders an die Barmherzigkeit Gottes als Gabe und Auftrag erinnern soll. So verstehen wir den Neubau unseres Gästehauses Beit Noah für Jugendliche und Behinderte jüdischer, christlicher und muslimischer Herkunft als natürliche Konsequenz der Erbauung der Kirche und haben uns sehr gefreut, das Kirchweihfest und die Einweihung des neuen Beit Noahs gemeinsam in diesem einem Geist feiern zu dürfen. Das Tages-Evangelium, das Gebet Jesu zum Vater (Joh 17,20-26), brachte das Heilsgeheimnis unseres Ortes genau auf den Punkt: "Alle sollen eins sein.": Wie wenig wir es machen können und menschlich immer wieder daran scheitern, erfahren wir Tag für Tag; aber wie sehr es sich plötzlich und je neu als Geschenk einstellen kann, dürfen wir - Gott sei Dank - ebenso immer wieder erleben.

Bischof Marcuzzo und P. Jeremias - Zeitungen für den Grundstein - Gäste beim Gottesdienst zur Einweihung


Die Vielfalt der mitfeiernden Gäste war uns ein ermutigendes Zeichen auf diesem Weg: Eine Gruppe mit mehr als 30 christlichen und muslimischen Behinderten aus dem St. Vinzenz-Hospiz in Jerusalem wohnten bereits seit eineinhalb Wochen im neuen Beit Noah, so dass wir ein schon belebtes Haus einweihen konnten. Zwei Tage vor dem Fest kamen jüdische Gäste einer israelischen Einrichtung aus Kfar Tikva bei Haifa hinzu, vornehmlich erwachsene Behinderte und ältere Menschen. Einige unter ihnen haben als Kleinkinder in Deutschland den Holocaust überlebt. Am Vorabend der Einweihung reisten christliche Jugendliche aus Nazareth und Umgebung an, die mit uns ein nächtliches Taizé-Gebet in der Brotvermehrungskirche hielten. Sie fanden in unseren Zelten auf der Begegnungsstätte auch noch Platz zur Übernachtung.

Das neue Beit Noah - Die Einweihung


Am Festtag selbst kamen Abt Benedikt mit unseren Mitbrüdern aus Jerusalem, Freunde und Bekannte, insbesondere auch Vertreter der Ordensgemeinschaften im Land. Aus Deutschland waren Mitglieder des Freundeskreises zu Gast, geleitet von Resi Borgmeier, der stellvertretenden Vorsitzenden. Angereist waren ebenso Hermann Josef Großimlinghaus (DVHL-Vizepräsident) sowie Dr. Eva-Maria Brenninkmeyer (Vertreterin des Vorstandes) und Dr. Michael Strucken (Päpstliches Kindermissionswerk/Aachen). Besonders gefreut hat mich, dass mit dem Bauingenieur Walid Haj und dem Bauunternehmer Khalil Dowery viele arabische Bauarbeiter mit ihren Familien alle aus Nazareth gekommen waren, die uns in den zwei Jahren der Bauphase vertraut geworden sind.

Die Vielfalt der Gäste spiegelte sich auch in der musikalischen Gestaltung des Festgottesdienstes und darin, dass Bischof Marcuzzo die bunte Festgemeinde auf Arabisch, Hebräisch und Deutsch ansprach.
Als dann am Ende des offiziellen Festaktes israelische und arabische Behinderte den Bauarbeitern als Zeichen des Dankes Teller mit dem Motiv von Brotkorb und Fischen überreichten, und sie einander umarmten, fand der Geist des Friedens momenthaft einen wunderbaren Ausdruck: "Alle sollen eins sein." - Nicht organisierbare und machbare Geschenke in einer Kirche auf dem Weg.

Das neue Beit Noah und sein Leben auf der Begegnungsstätte ist die Frucht der Arbeit unzähliger Menschen, angefangen mit dem Engagement des deutschen Ehepaars, Johannes und Ulla Roloefsen, die unter der Initiative des damaligen Jerusalemer Priors Immanuel Jacobs, im Sommer 1984 in einigen Militärzelten im Schatten der Kirche die Begegnungsstätte ins Leben riefen; hier in Tabgha war zu dieser Zeit P. Vinzenz Mora Superior. Ihnen und allen später folgenden Mönchen, Schwestern, SozialarbeiterInnen, VolontärInnen und Zivildienstleistenden, die in den all diesen Jahren das Leben der Begegnungsstätte durchgetragen haben, sei an dieser Stelle ein aufrichtiger Dank gesagt!

Ich danke sehr dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande, der uns mit seiner finanziellen Starthilfe ermutigte, den Neubau von Beit Noah in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit zu wagen.

Mein ganz besonderer Dank gilt allen Wohltäterinnen und Wohltätern, die mit ihrer großherzigen Unterstützung in unterschiedlichsten Engagements das neue Beit Noah im Grunde erst ermöglichten. Ich denke besonders an Sie, liebe Freunde und Freundinnen unseres Freundeskreises, die Sie uns finanziell unterstützt haben. Ich denke an so manche Vorträge von Ludger Bornemann, die er bei seinen Deutschlandreisen in Pfarrgemeinden und Gruppen gehalten hat. Das Benefiz-Konzert von Helmut Müller-Brühl in der Kölner Philharmonie ist vielen von Ihnen noch in Erinnerung. Eine Jugendband, namens AKZENTE, hat mit ihrer CD-Aufnahme bewusst ihren Akzent zugunsten von Beit Noah gesetzt. Ich denke an einzelne diskrete Großspender, an verschiedene Jubiläen, deren Erlös dem Beit Noah zukam, usw. ...

Dankbar sind mir viele Kinder und Jugendliche vor Augen, die nach Weihnachten als Sternsinger singend von Tür zu Tür zogen, und den Segen Gottes in die Häuser trugen. Ein großer Teil ihres Erlöses ist dem neuen Beit Noah zugute gekommen. Allen ein aufrichtiges VERGELT´S GOTT! Exemplarisch konnte bei der Einweihung eine Liste mit Namen von Kindern der Sternsingeraktion hinter den Grundstein eingelassen werden.

Für uns Benediktiner hat sich das Vertrauen bewährt, zur rechten Zeit den Aufbau anzugehen, während durch die Intifada eher alles im Abbau begriffen war. Ihnen und Euch, liebe Spenderinnen und Spender, danke ich von ganzem Herzen für die große Solidarität. Sie alle sind in gewisser Weise beteiligt an der Neugestaltung unserer Begegnungsstätte, die weiterhin der Erholung vieler Menschen an Körper, Geist und Seele dienen möge, insbesondere derer, die der konkreten Erfahrung von Frieden und Heil bedürfen. In der Erzählung der Speisung der Fünftausend im Markus- und Matthäus-Evangelium heißt es: "Als Jesus die vielen Menschen sah, ward ihm weh um sie…" So kann es einem auch heute ergehen, wenn man Menschen begegnet, die in verschiedener Hinsicht belastet und durch Herausforderungen des Alltags gezeichnet sind. Zugleich ist es erfüllend, ihre Dankbarkeit und Freude zu erfahren, wenn sie in unserer kleinen Oase, "weitab vom Schuss", ihrem Alltag enthoben sind und aus sich herausgehen; wenn sie sich in der Frische des Quellwassers tummeln, das unmittelbar vor dem neuen Beit Noah herfließt. Die wunderbare Brotvermehrung hat viele Gesichter. Und so glaube ich, dass Jesus selbst nicht nur in seiner Barmherzigkeit angerührt war, sondern auch von der Freude Seines Vaters, die sich in den gesättigten Menschen widerspiegelte.
Das Leben und Erleben unserer unterschiedlichen Gäste wirkt auf uns Brüder und Schwestern hier am Ort, und hält unsere Kirche im Kleinen, unsere Kirche von Tabgha in Bewegung.
Miteinander verbunden im Geist der Barmherzigkeit Gottes, der uns täglich neu lebendige Hoffnung schenkt, grüße ich Sie alle herzlich.

In Dankbarkeit
Ihr

P. Jeremias Marseille OSB