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27. Rundbrief - Ostern 2005

Aus dem Leben der Begegnungsstätte

Menschen zusammenführen - Gemeinschaft entstehen lassen

Liebe Freunde unserer Begegnungsstätte!

Der Winter scheint vorüber zu sein! Nachdem alle Welt von der Klimaverschiebung spricht, hat es uns gar nicht überrascht, dass wir im Januar Tiefstwerte in der Nacht von 5 Grad messen konnten. Auf den Höhen von Tiberias soll es sogar Nachtfrost gegeben haben. Umso mehr haben wir uns nun erfreut, als das Quecksilber wieder auf 15 Grad stieg und die Sonne es wieder gut mit uns meinte.

Blicke ich zurück, lagen wir vor einem Jahr um diese Zeit in der letzten Phase der Fertigstellung von Beit Noah.
Nach der Einweihung am 23. Mai 2004 hat das neue Beit Noah seinen ersten Sommer und nun auch seinen ersten Winter im Test gut bestanden. Die eigentliche Qualität eines Hauses spürt man erst in der Nutzung. Obwohl wir mit der Verarbeitung und Qualität sehr zufrieden sind, war es notwendig, im Januar 2005 einige Nacharbeiten zu tätigen. Dies waren zum einen Gewährleistungsarbeiten, wie die Reparatur einer undichten Wasserleitung sowie dem Einfügen der fehlenden Schallisolation in die Entlüftung der Badezimmer und das anbringen einer Dachrinne! Andere Arbeiten betrafen den technischen Bereich, wie etwa Installieren von Dämmerungsschaltern für die Außenbeleuchtung.

Um noch mehr auf die Lebenssituation behinderter Menschen einzugehen, war die Entscheidung wichtig, im Saal und im Flur noch nachträglich Fliesen bis auf eine Höhe von 1,20 Metern an die Wand zu kleben. Dies war dringend notwendig, weil gerade die Rollstühle immer wieder den Putz an den Wänden stark beschädigten und auch beim Herumtoben im Saal die Wände sehr gelitten hatten.

Im Laufe des Jahres gab es von den Bewohnern im Haus viele Anregungen:
So können wir in den nächsten Tagen die Kleiderhaken in den Zimmern befestigen, die von der Behinderteneinrichtung Lifegate in Beit Jala gefertigt wurden.
Ebenso ist auch in den regulären Toiletten ein Haltegriff an der Wand für Behinderte notwendig geworden, der noch installiert werden muss.

So langsam werden auch die Details fertig, um die sich vor allem unsere Zivis Andreas Hartl und Martin Stallkamp kümmern: Andreas war die letzten Wochen damit beschäftigt, für jedes Zimmer im Beit Noah ein Regal zu lackieren und Martin gestaltete die Schlüsselanhänger für die Zimmer in der jeweiligen Farbe der Zimmertüren. Mit großem Eifer haben "unsere Jungs" dem alten Toilettenhaus hinter dem Beit Benedikt auf die Sprünge geholfen, wo nun auch zwei Waschmaschinen untergebracht sind, damit unsere Gäste ihre Wäsche waschen können.

Es freut mich besonders, dass jeder für sich seine Kreativität entdeckt, die ihm als Gabe gegeben wurde. Sich auf Zeit diesem Ort zu verpflichten, sich ganz und gar einzulassen mit allem was da kommen möge - das wird für mich der immer wichtigere Angelpunkt unseres gemeinsamen Zusammenlebens hier in Tabgha.

Gemeinsam konnten wir ebenso noch die fehlenden Heckensträucher ergänzen und haben unserem Garten einen Frühjahrsputz verpasst, um den sich vor allem unser Volontär Dieter Welscher als gelernter Gärtner gemeinsam mit Bruder Franziskus kümmert.
Volontär Boris Heyden hilft mir neben seiner Hauptaufgabe im Klosterladen stundenweise im Verwaltungsbereich der Begegnungsstätte.
Zivi Markus Scharte folgte seinem persönlichen Wunsch, ab Januar 2005 seinen Zivildienst in der Behinderteneinrichtung Kfar Tikva in Kiriyat Tivon zu leisten. Wir wünschen ihm für seinen weiteren Lebensweg alles Gute und danken ihm für alles, was er für uns getan hat.

Und noch etwas wichtiges werden wir in diesem Jahr ergänzen, was beim alten Beit Noah selbstverständlich dazugehörte und von einigen Gruppen vermißt wird:
Die Planung eines kleinen Spielplatzes in der Nähe des Pools mit Schaukel, Wippe, Rutsche und Reittieren auf Sprungfedern soll noch dieses Jahr realisiert werden.

Menschen zusammenführen -
Gemeinschaft entstehen lassen!

An einem eindrucksvollen Besuch möchte ich Sie gerne teilhaben lassen: Im Januar besuchte ich Kobi Tuch vom Kibbuz Harduf, nicht weit von Haifa!
Familien im Kibbuz Harduf leben nach dem antroposophischen Ansatz von Rudolf Steiner (+30. März 1925), manchem in Deutschland vielleicht eher bekannt von den ,Waldorfschulen'. Sie sind immer wieder gerne Gäste in Tabgha.
Was Ende der 70er Jahre mit sechs Familien im kleinen Kreis begann, konnte seit 1982 durch den Umzug nach Harduf gefestigt werden: Mittlerweile hat Harduf ca. 400 Einwohner, wobei noch zusätzlich einige Hundert in einem ,äußeren Kreis' außerhalb Hardufs leben. Die Bewohner versuchen den Ansatz Steiners nach Israel zu transferieren, was ihnen innerlich und äußerlich gut gelungen ist: Schule, Farm und das Beit Elisha für Behinderte sind wesentliche Standbeine.

(Kunst-)Handwerk im Kibbuz: Töpferei, Metallverarbeitung und eine strickende Schülerin.

Eine große Fläche in Harduf nimmt die Schule ein, deren neuer Erweiterungsbau von der Regierung finanziert wurde. Das Schulsystem von Harduf ist in das staatliche System integriert. Für sie gilt jedoch kein Curriculum wie in anderen Schulen. "Erwünscht?" War meine spontane Frage an Kobi. "Eher geduldet", die kurze Antwort....
Insgesamt besuchen 950 Kinder die Schule in Harduf - 90 Kinder kommen direkt aus dem Kibbuz, andere sind ,Tagesgäste' aus dem Umland. Bei einer Klassenstärke von 20 bis 34 Kindern, was für Israels Schulen eher eine kleine Klassenstärke ist, findet sich ein buntes Gemisch aus Israelis und Arabern. Auch das Lehrerkollegium setzt sich aus den verschiedenen Völkern zusammen. Es funktioniert! - Trotz Intifada!
Vielleicht liegt es an dem Ansatz, der mir von Guy vermittelt wird, den ich durch Kobi kennenlernte: "durch das ,Leben' kommen die Kinder nicht durch lesen, sondern durch das ,Gefühl' geborgen zu sein". Dieser Satz hat mich sehr nachdenklich gemacht.
Das ist es wohl, was viele Menschen in unserem Land hier durch die Intifada verloren haben: Geborgenheit, Liebe und letztlich die daraus resultierende Kraft für eine Zukunftsperspektive, eben all jenes, was wir unter ,Leben' verstehen.

Menschen zusammenführen - Gemeinschaft entstehen lassen!

Bilder aus der Schule von Harduf.

Das ist den Menschen von Harduf ein spürbares Anliegen, und es zieht sich durch viele kleine Projekte: So zum Beispiel in einer Musikgruppe, die sich aus arabischen und israelischen Kindern zusammensetzt, in gemeinsamen Schulprojekten in der 6. Klasse mit arabischen Schulen aus der Nachbarschaft, in gemeinsamer Arbeit auf den Feldern, beim kleinen Supermarkt, der auch von vielen Auswärtigen genutzt wird, beim Beit Elisha für Behinderte, im neuen ,Waldorf'-Kindergarten, der in Shefar'am, einem arabischen Ort in der Nähe des Kibbuz eröffnet wurde.
Alles kleine Meilensteine mit der Richtung: ,gemeinsame Zukunft'!

Menschen zusammenführen,
Gemeinschaft entstehen lassen!

Unter diesem Aspekt erzählte Kobi von einer geplanten Begegnung von Israelis aus Harduf mit Bewohnern aus dem arabischen Ort Kalkylia, welches während der Intifada unter starker Militärpräsenz der Israelis zu leiden hat. Im weiteren Austausch kamen wir zu dem Gedanken, diese Begegnung bei uns auf der Begegnungsstätte in Tabgha gemeinsam durchzuführen. Möge Gott es fügen, dass diese heilsame Chance den Menschen nicht verloren geht!

Menschen zusammenführen,
Gemeinschaft entstehen lassen!

Mir wird immer mehr bewusst, dass diese Gemeinschaft nur in Freiheit gefunden werden kann, die in mir persönlich durch Gott beginnt! Ohne Mauern, ohne Grenzen, mit einem offenen und liebenden Herzen. Wenn uns das in dieser geplanten Begegnung in diesem Frühjahr auf unserer Begegnungsstätte gelingt, entzündet es vielleicht in manchem einen kleinen Funken Hoffnung mit der Möglichkeit, verlorene Perspektiven neu zu entdecken.

Wie sehr dies im Kibbuz Harduf Erlebte mit unserer Lebensform als Benediktiner übereinstimmt, wird mir immer mehr an dem Wechselspiel unseres Alltags von Chorgebet, Lectio und Arbeit bewusst: Es will eine Hilfe sein, sich im Leben zum Guten zu wandeln.
Beide Orte, Harduf und Tabgha, haben eine Intention gemeinsam: Menschen in Offenheit zusammenzuführen und der Gemeinschaft zu dienen!

In diesem Sinne grüße ich Sie alle herzlich aus dem Beit Noah in Tabgha!

Br. Samuel Elsner OSB
und das Team der Begegnungsstätte


Zum Stichwort: Rudolf Steiner & Anthroposophie

Rudolf Steiner wurde am 27.Februar 1861 in Kraljevec (damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien) geboren, machte 1879 Abitur und studierte an der Technischen Hochschule in Berlin. Er befasste sich intensiv mit den Schriften Hegels, Fichtes und anderen Philosophen. Seit 1884 ermöglichte ihm eine Anstellung als Hauslehrer erste Erfahrungen auf dem Gebiet der Heilpädagogik zu sammeln.
Im Alter von 30 Jahren promovierte Steiner zum Doktor der Philosophie. Bald darauf erschien sein Buch "Die Philosophie der Freiheit", worin sich bereits wesentliche Grundgedanken seiner Anthroposophie ankündigten, die er später zu einer geisteswissenschaftlichen Lehre aus-baute. Steiner sieht im Menschen ein Wesen, das aus Körper, Seele und Geist besteht. Will man richtig erziehen, so bedarf es einer genauen Kenntnis des ganzen Menschen. Die Anthroposophie als Geisteswissenschaft wendet eigene Arbeitsweisen an, mit deren Hilfe sie zu unmittelbaren Erkenntnissen über Geist und Seele kommt. Hieraus ergibt sich eine spezielle Sichtweise vom Wesen des Menschen. Der Mensch setzt sich demnach aus vier Wesensgliedern zusammen: dem physischen Leib und dem Ätherleib. (beides entspricht dem Körper), dem Astralleib (der Seele) und dem ICH (der Geist).
Für Steiner werden diese Wesensglieder in einem Siebenjahresrhythmus ,geboren', worauf die Ausbildung und Er-ziehung mit besonderen Methoden antwortet.

(Vgl. Hermann Hobmair, Pädagogik, Köln 1996, S. 411 und 424)