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27. Rundbrief - Ostern 2005

"Gottes Sehnsucht ist der Mensch."
(Augustinus)

Vielleicht ist es gerade das, was Menschen seit diesem Jahr wieder mehr nach Tabgha und ins Heilige Land zieht: Ihre Sehnsucht nach den Ursprüngen des Glaubens, ihr " ja - aber", "traue ich mir?", ich traue… IHM, ich möchte neu Glauben wagen und vertrauen können und von den ersten Zeuginnen und Zeugen lernen.
Im Land seiner Menschwerdung mit seinem Wort erahnen, dass "Gottes Sehnsucht der Mensch ist", die in Jesus Christus eindeutig wurde und am See Genesareth besonders "verortet" ist, ein Schritt in die richtige Richtung.
Die vielen Berichte des Neuen Testamentes geben uns davon ein beredtes Zeugnis: die Speisung der Fünftausend hier in und um Tabgha, die Heilung der Schwiegermutter des Petrus und die Heilung des Gelähmten in Kafarnaum, die Botschaft der Bergpredigt, die von Galiläa ausging, die Berufung der Jünger aus Bethsaida, und die Berichte von der Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngerinnen und Jüngern am See … : "Gottes Sehnsucht ist der Mensch".
Eine Pilgergruppe brachte es kürzlich auf den Punkt: Hier hat die Botschaft vom Reich Gottes durch Jesus ihren Anfang genommen. Hier hin, so möchte ich ergänzen, ist sie nach Leid, Kreuz, Tod und Auferstehung Jesu in Jerusalem umso kraftvoller zurückgekehrt.

"Er ist von den Toten auferstanden.
Er geht euch voraus nach Galiläa.
Dort werdet ihr ihn sehen."
(Mt 28,7)

Seine Sehnsucht ist die Begegnung mit den Menschen, vorher, dazwischen, nachher und heute. Es ist schon eine besondere Herausforderung, manche würden sagen eine besondere Gnade, an diesem Ort leben zu können und zu dürfen. Tabgha ist in vieler Hinsicht ein gesegneter Ort, ein Ort, an dem ich neu gelernt habe, Gnade zu buchstabieren.

Als uns Bundespräsident Horst Köhler, seine Gattin und eine große deutsche Delegation am 3. Februar besuchten, da schrieb er diese Überzeugung in unser Gästebuch:

"Nach einem Flug über dieses von Gott gesegnete Land, aber von den Menschen auch verwirrte Land, besuchen wir die Dormitio / Tabgha. Wir wollen einen Eindruck gewinnen von den Möglichkeiten des Friedens zwischen den Religionen und den Menschen. Wir hoffen."

Wir sind sehr dankbar über diese ermutigende, herzliche und froh machende Begegnung. Wir wissen uns geehrt, dass neben den vielen politisch brisanten Treffen auch dieses Zusammentreffen mit dem höchsten Repräsentanten unseres Heimatlandes möglich war. Sicher war es für ihn und alle mit ihm ein Ort des Auftankens für weitere Schritte, vielleicht sogar ein klein wenig ein Ort der Sehnsucht.

Sehnsucht, dieses Wort weckt in uns unterschiedliche Gemütsbewegungen. Wir Menschen sind Suchende, Suchende nach Verlorenem, nach Sinn und Orientierung, nach Begegnung und Gemeinschaft, Hoffnung und Liebe, nach IHM. Ich meine zu spüren, dass Menschen wieder vermehrt nach Glauben suchen, "Sehnsucht heißt das Lied der Menschen", so klingt es in einem Kanon, kann es auch Glauben bedeuten?
Oft geht es mir so. Wenn ich am See sitze und das tausendfache Glitzern des Wassers und den ruhigen Wellengang auf mich wirken lasse, dann höre ich manchmal nur ganz leise - die Töne der Sehnsucht nach tragfähigem Grund und Beziehungen, nach Begegnung und Austausch mit dem Herrn, nach Glauben.
Auf unserem Weg "nach" Ostern durften wir in unserer kleinen Klostergemeinschaft zusammen mit unseren deutschen Schwestern, Zivildienstleistenden und Volontären besondere Erfahrungen sammeln. Monsignore Winfried Pilz vom Kindermissionswerk in Aachen gestaltete mit uns eine Woche lang unsere Jahresexerzitien. Wie ein roter Faden zogen sich durch diese Tage die kleinen Worte: Hier! Jetzt!
Kurze einprägsame Gesänge, Bilder, mit wenigen Strichen gezeichnet, Wesentliches vermittelnd, Worte der Schrift, lebendig und kraftvoll, mit der eigenen Erfahrung gefüllt, prägten die jeweiligen Impulse.
Neu ging uns die Bedeutung unseres Ortes Tabgha als Topos auf.
Wieso gerade hier am tiefsten Punkt der Erde?
Warum hier an dieser Stelle, an der eine der wichtigen Handelsstraßen, "die Straße am Meer" (via maris) (Mt 4,15), von Mesopotamien kommend bis zum Mittelmeer vorbeiführte?
Weshalb suchte er gerade hier die meisten seiner Jünger und liefen ihm zunächst Scharen von Menschen nach und hingen an seinen Lippen?
Was will Gott uns damit sagen?

Es lohnt sich, für sich persönlich diesen Fragen einmal nachzugehen, auch wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser hier nicht leben.
Hier ist das Startsignal für seine Botschaft, seinen Weg. Hier war es! Der Glaube hat immer ein Hier und er hat ein Jetzt " Jetzt ist die Zeit der Gnade…" (2 Kor 5,2b).
Winfried Pilz machte uns deutlich, wie sich dieses Jetzt mit uns bewegt und als Kairos nicht produzierbar ist. Es ist da als Augenblick und es ist da als Startsignal in eine neue Entscheidung und kann Zukunft verändern.

"Die Initialzündung, die hier statt gefunden hat, sie wird einmal universal."
Hier ist die Schwelle zu den Heiden "das Land Sebulon und das Land Naftali".
"Gottes Sehnsucht ist der Mensch", gleich welcher Nation, Religion und Herkunft.
Geographie ist nicht nur Geographie, sie ist verbunden mit menschlicher und göttlicher Geschichte und sie kann Beispiel dafür sein, die Landkarte des eigenen Lebens einmal zu betrachten mit all den Lebensstationen und Reifungsphasen, den Stagnationen und High- Erfahrungen. Geografische Orte der Heilsgeschichte können aber auch Stationen sein, an denen ich mich frage und anfragen lasse: Was haben der Jordan, Kapernaum, Tabgha, der Berg der Seligpreisungen, jene Orte der Heilsgeschichte und die jeweilige Botschaft dieser Orte mit mir und meinem Glauben zu tun?
Welche Bedeutung hat für mich heute, hier und jetzt die Botschaft von der Auferstehung?
Da gab und gibt es Menschen, für die es "im Leben mehr als alles geben muss".
Maria von Magdala ist solch ein Mensch. Traurig mit Tränen in den Augen ist sie mit all den anderen Frauen am Ostermorgen unterwegs zum Grab. Sehnsucht scheint hier begraben.
Der Engel er-mutig sie alle: Begrabt nicht eure Sehnsucht, sondern bleibt auf der Suche nach dem, der als Auferstandener euch nach Galiläa vorausgeht, dorthin, wo sein Weg begonnen hat, in euren Alltag, in euer Ringen um Klarheit und eure Suche nach Wahrheit.
Österliche Verheißung am Grab kann dann heißen, unsere Sehnsucht stirbt nicht, sie endet nicht im Grab, sondern sie erfüllt sich im Auferstandenen und in seinem Mitgehen.
Mit all unserer Sehnsucht sind wir hinein genommen in den Lebensstrom durch unsere Taufe, zu der wir in der "Nacht der Nächte" wieder neu Ja sagen und er zu uns. Im Heiligen Geist ist uns eine unbeugsame Sehnsucht nach Leben in Fülle geschenkt. Dieser Sehnsucht zu trauen gibt meinem Leben Halt und letzte Lebensqualität. Dieser Sehnsucht zu trauen macht menschliche Würde aus.
"Sehnsucht heißt das Lied der Menschen" und "die Sehnsucht Gottes ist der Mensch"
Das bedeutet für mich Ostern feiern und aus dem Geschenk des stets neuen Anfangs leben und davon Zeugnis geben in einer Welt, die schlichte Glaubenszeugnisse mehr denn je braucht. " Er geht euch voraus nach Galiläa" (Mt 28,7b) kann dann bedeuten, er geht euch voraus in Euer/Ihr "Galiläa", in Euren/Ihren Alltag. Du bist nicht allein, Er geht mit!

Frohe und durch den Auferstandenen erfüllte Ostern wünscht Ihnen

P. Jonas Trageser OSB