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28. Rundbrief - Oktober 2005
Wort des Abtes
"Der Friede Gottes ist nicht Ruhe, sondern treibende
Kraft" (Albert Einstein)
Liebe Freundinnen und Freunde unserer Gemeinschaft!
Christliches Leben versteht sich wesentlich vom Glauben an die Auferstehung
Christi her. Auch das benediktinische Mönchstum ist zutiefst von
der Erwartung des Osterfestes geprägt. Der Mönch erwartet es
"in der Freude und Sehnsucht des Geistes" (RB 49,7) und in beständiger
Umkehrbereitschaft des Herzens. Das Pfingstereignis als das Fest der Geistsendung
ist die Vollendung des Osterfestes. Im Evangelium nach Johannes tritt
der Auferstandene in die Mitte der betenden Jüngergemeinschaft, der
Urgemeinde, spricht allen den Frieden zu, sendet sie aus, und die im Saal
versammelten empfangen den Heiligen Geist (vgl. Joh 20,19-22).
Für mich ist es eine Gnade, neben dem Abendmahlssaal auf dem Zion
leben zu dürfen, ist doch die Urgemeinde das Vorbild jeder benediktinischen
Gemeinschaft. Von diesem Ort in Jerusalem aus ging die Frohe Botschaft
in alle Welt hinaus. "Der Friede Gottes ist nicht Ruhe, sondern treibende
Kraft," sagt Albert Einstein. Um den Frieden Gottes für alle,
die guten Willens sind zu verkünden, kam Jesus Christus in die Welt.
An das Wort Albert Einsteins denke ich, wenn ich zum Beispiel die Bilder
der vergangenen Monate aus Rom bedenke und eine erstaunlich junge und
dynamische Kirche erlebe, mit einem Papst Benedikt XVI., der sich von
der Frische eben dieser geistdurchwehten Kirche erfassen lässt und
sie kraftvoll weiterschenkt. - "Der Friede Gottes ist nicht Ruhe,
sondern treibende Kraft." Die österlich frohe Dynamik ist allseits
unserer Kirche zu wünschen, in ihren vielfältigen und bunten
Facetten in der ganzen Welt. Auch die Pax Benedictina ist keine schlummernde
oder sich dem Leben verweigernde Abkehr von der Welt. Der "benediktinische
Friede" speist sich aus den gesunden Spannungsbögen von ora
et labora, Schweigen und Reden, Einsamkeit und Gemeinschaft, Klausur und
Weltzugewandtheit... Je nach Ort, Zeit und Veränderungen in einer
klösterlichen Gemeinschaft ist die gesunde Balance zu suchen. Das
erfordert beständige Wachsamkeit, die Gabe der Unterscheidung und
lebendige Flexibilität. Geistgewirkter Friede ist lebendig und strahlt
auf andere aus; geistgewirkter Friede muss immer neu in der Welt erkämpft,
erstritten, errungen, gestiftet werden; geistgewirkter Friede muss letztlich
immer neu von Gott erbeten und geschenkt werden - auch im Kloster.
Wo der innere und äußere Friede gestört wird durch Egoismus,
Ideologie, Fanatismus, ist das Leben selbst bedroht. Diese Spannung erfahren
wir Mönche im Heiligen Land besonders stark. Mit Sorge beobachten
wir die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der israelischen
und palästinensischen Gesellschaft. Die Vorstellungen von Recht,
Gerechtigkeit und Friedensprozess gehen extrem auseinander. Der Friedensprozess
ist nach wie vor gefährdet, und es bedarf unserer Gebete und unserer
Arbeit auch im kleinen Ausmaß unserer Möglichkeiten in Jerusalem
und Tabgha!
Ihnen allen sage ich Dank für Ihre Hilfe und Solidarität, für
Ihre Besuche und für Ihre Gebete. Danke für Ihre Treue! Ich
wünsche Ihnen allen den lebendigen Frieden Gottes.
Im Namen der Mönche
der Abtei Hagia Maria Sion,
Ihr
+ Benedikt M. Lindemann OSB
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