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28. Rundbrief - Oktober 2005

Weil Fragenstellen den Horizont weitet, neue Perspektiven öffnet… und Freude macht!
Portrait der Theologin und Pfarrerin Dr. Petra Heldt

An interessanten Menschen fehlt es im Heiligen Land gewiss nicht. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit und die seiner Familie. Mit allem Leid und mit allem Schönen, was sich im Laufe der Generationen ansammeln kann. Und jeder erzählt seine Geschichte, lebt sie. Das scheint zwar auf den ersten Blick anderswo nicht viel anders zu sein, aber im Heiligen Land mit seinen vielen Wanderungsbewegungen kommt mehr zusammen: Kulturen, Religionen, Sprachen - seit je her scheinen sie sich hier frontal gegenüberzustehen, und für manchen ist der zweite Blick auf diese Region vielleicht auch schon der letzte, weil es ihm dann doch zu kompliziert, zu viel wird. Für Petra Heldt gilt das bestimmt nicht. "Jerusalem war immer schon eine internationale Stadt, auch zur Zeit Jesu, auch heute", meint die evangelische Pfarrerin und promovierte Patristikerin, als wir sie mit unseren Studentinnen und Studenten besuchen.

Dialog und Versöhnung

Petra Heldt ist einer dieser interessanten Menschen in Jerusalem, und sie kennt viele interessante Menschen mit ihren interessanten Geschichten. Dabei studiert sie begeistert jüdische und christliche Texte der ersten Jahrhunderte und verfolgt aufmerksam die Knesset-Debatten und die Politiker-Interviews im Radio. Sie hat auch ihr Ohr bei den Menschen, die hier leben. Und dass die spüren, dass die gebürtige Berlinerin ihnen zuhört, zeigte sich am 26. August, als der scheidende Botschafter Rudolf Dressler ihr im Rahmen einer Feierstunde in der Evangelischen Propstei das Bundesverdienstkreuz am Bande verlieh. Denn zu dieser Ehrung kam die Breite der jüdischen und christlichen Freunde und Gesprächspartner der engagierten Theologin, um ihr Respekt und Dank zu bezeugen für ihren Einsatz um Dialog und Verständigung zwischen den Religionen, Kulturen und Völkern.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes (v.l.n.r.): Propst Martin Reyer, Dr. Petra Heldt, Botschafter Dr. Rudolf Dressler, Abt Benedikt im Gespräch mit Chief Dragoman Goosan Algenian von der armenischen Kirche.

Seit 1974 kennt sie inzwischen das Heilige Land. Damals kam die junge Theologiestudentin zum ersten Mal in den Semesterferien nach Israel, um im Land der Bibel ihr Studium zu vertiefen und um die jüdischen Quellen kennen zu lernen, die den Hintergrund auch für das Neue Testament bilden. "Es ist einfach spannend, auf diese Weise einen Einblick in die Frühe Kirche zu bekomen", sagt sie. Die Fragen nach den Auswirkungen auf ihre eigene Theologie und auf ihre Glaubenspraxis begleiten sie bis heute im wissenschaftlichen Austausch mit christlichen und jüdischen Forschern genauso wie auch im ökumenischen Alltag.
Denn gerade hier in Jerusalem, wo neben dem heutigen, rabbinischen Judentum auch fast alle christlichen Konfessionen vertreten sind - und das zum Teil seit alters her - ist eine Perspektive besonders spannend, mit der Petra Heldt auf die Alte Kirche blickt: Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Beschäftigung mit dem Kanon, d.h. mit den Schriften, die in das Neue Testament aufgenommen wurden, aber auch mit solchen christlichen und jüdischen Schriften, die zwar keinen Eingang in die Bibel gefunden haben, die aber mitunter enormen Einfluss auf die Frömmigkeit hatten. So rückt besonders die Zeit vor den großen Konzilien, d.h. die Jahrhunderte vor dem ersten Konzil von Nikaia im Jahr 325, in ihr Blickfeld. Für Petra Heldt ist diese Zeit eine Art Humus, durchzogen von gemeinsamen Wurzeln des modernen rabbinischen Judentums und des Christentums, die sich in Prozessen wechselseitiger Befruchtung aber auch Abstoßung aus diesem Humus heraus gleichsam als zwei Bäume entwickelt haben, und die nun ihrerseits wieder verschiedene Äste in den Menschheitshimmel strecken. Ein solcher Blick auf die Frühzeit der Kirche verändert, weitet auch den Blick für die Kirche von heute, wenn er auch für manchen gewöhnungsbedürftig ist. Petra Heldt weiß: "Wir sind Pioniere!"

Ökumenische Pionierarbeit

Einer ihrer Mitpioniere ist Malcolm F. Lowe, ihr Ehemann. "Denn seine neutestamentliche und intertestamentarische Forschungsarbeit zusammen mit David Flusser an der Hebräischen Universität haben mich und die Arbeit der Ecumenical Fraternity sehr geprägt", erzählt sie.
Durch diese Ecumenical Theological Research Fraternity in Israel (ETRFI), deren Leitende Direktorin Petra Heldt seit 1987 ist, geschieht solche Pionierarbeit in Jerusalem schon seit 1966. Gegründet wurde die Fraternity als ein Forum für christliche und jüdische Wissenschaftler, um die jeweils anderen Traditionen besser kennen lernen zu können und im oben skizzierten Sinne das Gespräch zwischen Christentum und Judentum zu führen. Diesem Zweck dient auch die hauseigene wissenschaftliche Reihe IMMANUEL, die Malcolm F. Lowe im Auftrag der Fraternity herausgibt. Darüber hinaus gibt es in jedem akademischen Jahr eine Vorlesungsreihe, die unter einem Leitthema steht und die von ehrenamtlichen Referenten gehalten wird, d.h. von Wissenschaftlern aus den eigenen Reihen oder von ausländischen Fachleuten, die sich gerade im Heiligen Land aufhalten. Über große finanzielle Ressourcen, die entsprechende Programme ermöglichen würden, verfügt die Fraternity nämlich nicht. Auch nicht über eigene Räumlichkeiten: Einstmals in unserem Beit Josef untergebracht musste sie dort einem wachsenden Studienjahresbetrieb weichen, war dann die letzten zwei Jahrzehnte im Ratisbonne Instiute im Zentrum von Jerusalem, und ist nunmehr seit zwei Jahren wieder auf dem Zion, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, in der ehemaligen Gobat-Schule, die heute das Jerusalem University College beherbergt. Die Vorlesungen finden in der Regel außerhalb statt, im Swedish Theological Institute z.B. oder in den Räumlichkeiten des Ratisbonne Institute.

"Gruppenbild mit Dame" - Dr. Petra Heldt am Tag der Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz im Kreis Jerusalemer Kirchenoberer.
Foto: Ulrich Sahm, Jerusalem

Mancher würde wohl unter solchen Bedingungen von einem Nomadendasein sprechen. Aber so, wie Viele zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes in das Refektorium der Propstei kamen, so scheint auch Petra Heldt im ganzen Heiligen Land zu Hause zu sein. Auch wenn das kleiner geworden sei, seit sie 1974 zum ersten Mal hier war, physisch und auch psychologisch kleiner, sagt sie: Straßensperren habe man damals nicht gekannt, Hoffnung und Aufbaustimmung hätten seinerzeit das Land geprägt. Petra Heldt selbst wurde 1997 bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag in Jerusalem schwer verletzt und musste noch zwei Jahre lang ärztlich behandelt werden. "Frau Dr. Heldt hat diesen Anschlag ohne Verbitterung überwunden", formulierte Botschafter Dressler in seiner Laudatio am 26. August und hat in diesem schlichten Satz, der weder die Tragik kaschiert noch ungebührliches Pathos entwickelt, etwas ausgedrückt, was man spüren kann, wenn Petra Heldt von ihrer theologischen Arbeit und ihrem Leben in Israel erzählt: Was für einen Außenstehenden wie ein chaotisches Ohneeinander, ein undurchdringbares Nebeneinander oder gar ein festgefahrenes Gegeneinander aussieht, was viele anstrengt, manchen überfordert, einzelne abstößt - dem hat sie sich von innen her genähert. Nicht ohne Anstrengungen, das versteht sich. Das Klima, die andere Ernährung, die vielen Sprachen, die man als Europäer hier lernen sollte, um sich zurechtzufinden, das erfordert Kraft und Ausdauer. Und, nicht zuletzt: "In dieser Gesellschaft herrscht ein herzlicher aber manchmal burschikoser Umgangston." Auch daran müsse man sich erst gewöhnen.

Dynamik und Entwicklung

Aber Petra Heldt ist fasziniert von dieser Gesellschaft des modernen Israel, die wie Jerusalem ein Schmelztiegel ist: Ständig, so beobachtet sie, vibriert es in dieser Gesellschaft, ständig neue Entwicklungen, ständig Action, ständig Wachstum, ständig neue Impulse von überall her, was für Israel eine andauernde Entwicklung in Gesellschaft und Kultur, aber auch in der modernen Technik mit sich bringt. Petra Heldt hat die Energie investiert, Ivrith zu lernen, und kann so die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskussionen in Israel mitverfolgen: Immer wieder werde alles in Frage gestellt und trotzdem gelinge es immer wieder, zu einem Konsens zu finden. In welchem anderen Land etwa, so fragt sie, habe auch die Archäologie einen so großen Einfluss, dass bei Neuentdeckungen gleich scharenweise die Journalisten an den Fundort strömten? Wohl auch deshalb, weil es etwas mit der Identität des Staates und der Gesellschaft zu tun hat. - Ein Punkt, an dem auch die palästinensische Gesellschaft von der israelischen zu lernen scheint.
Die Erklärung, die sie für diese Dynamik anführt, klingt scheinbar so selbstverständlich wie sie andererseits aufrüttelt, vielleicht sogar irritiert, weil sich Politik und Religion in für europäische Ohren des 21. Jahrhunderts ungewohnter Weise berühren: "Die Dynamik ist hier, weil hier der Heilige Geist ist." Gottes Tempel unter den Menschen, Seine bleibende, nie zurückgenommene Erwählung, Seine andauernde Präsenz in diesem Land, dieser Stadt. - Man könne ja kaum in einen Bus einsteigen, ohne dass da schon dreißig Leute säßen, die ihre Psalmen beten, beschreibt Petra Heldt eine Beobachtung, wie sie Israel-Reisende schon vor dem Abflug in der Wartehalle des Flughafens machen können. Und: "Die Gaben des Geistes sind da, wo wir Hände und Köpfe öffnen…"
Petra Heldt scheint ein Mensch zu sein, der in bedachtsamer, aber entschlossener Weise Hände und Kopf geöffnet hat auf seinen Wegen durch das Heilige Land. Sie hat die Geschichte im Blick, reflektiert sie historisch und theologisch, begeistert, aber nicht enthusiastisch, was keinesfalls selbstverständlich bei Theologen im Heiligen Land ist. Sie hat die Gegenwart im Blick, kennt die Entwicklungen in den Kirchen und Gesellschaften, in Politik und Kultur, hört den Menschen zu. Und sie hat die Zukunft im Blick, weiß um die Bedeutung von Hoffnungszeichen für die Menschen in diesem Land, besonders von Christen für Christen.

Perspektiven und Hoffnung

Als ein solches Hoffungszeichen nimmt sie unsere Planungen für die Friedensakademie Beit Benedikt wahr und sieht auch unsere fast 100jährige Klostergeschichte als ein ermutigendes Zeugnis christlicher Präsenz im Heiligen Land. Besonders gerne erinnert sie sich an Altabt Nikolaus, der in der Jerusalemer Ökumene sehr engagiert war, und natürlich an Pater Bargil, der sie einfach angenommen habe: als Pfarrerin der lutherischen Kirche, als Theologin, als Schwester. Er habe auch darauf bestanden, dass sie beim ökumenischen Gebet für die Einheit der Christen im Januar im Coenaculum im Talar erscheine. "Einmal hatte ich meinen Talar nicht dabei, da hat er mir was von sich gegeben!" - Beeindruckt und dankbar erzählt sie von unserem diesjährigen Gottesdienst am Abend des Gründonnerstag, in dem Abt Benedikt ihr und elf weiteren Männern und Frauen verschiedener Konfessionen die Füße gewaschen hat.

Christen, Juden und Muslime, Israelis, Palästinenser und Ausländer (auf wen auch immer Letzteres im Heiligen Land wirklich zutreffen mag) - viele interessante Menschen, junge und alte, mit vielen interessanten Geschichten, kürzeren und längeren. Wer das Heilige Land verstehen will, der muss sich angesichts der Vielfalt erst einmal konzentrieren. Petra Heldt empfiehlt die Auferstehungskirche, als Ort das Zentrum des christlichen Glaubens, ein Ort, an dem sich West- und Ostkirche, Christen orthodoxer, katholischer und reformierter Herkunft begegnen. Das erste, was man sieht, wenn man die Kirche betritt ist der Salbungsstein, über dem an Lampaden Eier hängen. Diese Eier gehören verschiedenen Konfessionen, aber hängen alle auf gleicher Höhe. Bei allem Streit in und um die Grabeskirche steht für Petra Heldt fest, dass die positiven Elemente dieser Kirche die negativen eindeutig überwiegen. Durch das ständige Gebet in der Auferstehungskirche sei die Präsenz Gottes so stark spürbar, dass es für manchen nur schwer zu ertragen sei. "Von hier aus kann man alle Fragen stellen. Und man kann alle Antworten finden", sagt sie. Wie ein Mikrokosmos lasse sich von der Anastasis aus alles erklären: Theologie, Politik, Soziologie, Psychologie.

Petra Heldt ist einer von vielen interessanten Menschen in Jerusalem, und sie ist ein Mensch mit Interesse: an den Menschen, an Jerusalem, an Gott. Sie stellt Fragen und sucht Antworten und hat offensichtlich viel Freude dabei und sie ist sich sicher: "Ich kann mir keinen anderen Ort vorstellen, wo man besser mit allen Christen zusammenarbeiten kann als Jerusalem."

P. Basilius Schiel OSB