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28. Rundbrief - Oktober 2005
Theologie in Farbe
Das Entschlafen der Gottesmutter
Predigt zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den
Himmel
"Hört auf zu malen!" - So lautet provokant
ein Wort des letzten Bildes, das auf der Ausstellung "Westkunst"
zu sehen war. Hört auf zu malen! Ernüchternd und erschreckend
wird eine Überschrift über das künstlerische Schaffen der
letzten Jahrzehnte geboten.
Der zerrissene und zerschundene Mensch in Strichen, Formen und Gestalten
zur letzten Unendlichkeit aufgelöst.
Szenenwechsel. Ein anderes Bild: Aufnahme Mariens in den Himmel. Können
wir dieses Bild heute noch zeichnen? Die Erhebung einer Frau in den Himmel
als letzte Vollendung und Krönung des Menschen? Oder müssen
wir vielleicht auch hier lieber sagen: "Hört auf, dieses Bild
zu malen!".
In der ersten Lesung malt der Evangelist Johannes ein gewaltiges, fast
kosmisches Bild: Eine Frau mit der Sonne bekleidet, der Mond unter ihren
Füßen, ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt...
alles im Licht, neue Schöpfung. Maria - die erste, die die Kraft
der Auferstehung ihres Sohnes erfahren darf: "dass dieses Vergängliche
sich mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit"
(1 Kor 15,54). Es geht in Erfüllung, was sie im Magnifikat ahnte:
"Der Mächtige hat Großes an mir getan". Und wir feiern
heute dieses Geheimnis unseres Glaubens.
Wir feiern das Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel.
Es ist nach dem großen Festkreisen von Weihnachten, Ostern und Pfingsten
eine der großen Feiern. Die orthodoxen Mitchristen nennen das heutige
Fest Ostern der Gottesgebärerin. Und dieses Hochfest gilt als Krönung
des liturgischen Kirchenjahres. Seit etwa 1200 Jahren wird in der abendländischen
Christenheit das Fest des Heimgangs der Gottesmutter am heutigen Tag gefeiert;
im Osten schon viel länger.
Werfen wir einen kurzen Seitenblick auf die benediktinisch-zisterziensische
Tradition, so sehen wir, dass dort sogar jede Abteikirche diesem Geheimnis
der Assumptio Mariens geweiht ist. Eine andere Aufwertung erhielt es durch
die Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel durch
Papst Pius XII. am 1.November 1950.
Ganz im Gegensatz zu dieser hohen Wertschätzung in der Tradition
ruft es - wie andere Marienfeste - auch in der Moderne bei kritischen
Geistern eher Skepsis oder auch Unverständnis hervor. Von vielen
heutigen, modernen Christen, gerade auch, aber nicht nur aus den protestantischen
Kirchen, wird dieses Bedenken theologisch mit der mangelnden Biblizität,
d.h. der fehlenden Fundierung im Evangelium, begründet. Dieses lässt
sich in der Tat nicht von der Hand weisen. Ist die biblische Legitimierung
der meisten Marienfeste schon mager, so ist bei der so genannten Himmelfahrt
Mariens ein Totalausfall zu reklamieren.
Die letzte Nachricht über Maria, die Mutter Jesu, finden wir in der
Heiligen Schrift (wenn wir von den visionären Andeutungen der apokalyptischen
Vision der Offenbarung einmal absehen) im ersten Kapitel der Apostelgeschichte,
wo sie nach der Himmelfahrt des Herrn mit seinen Aposteln einmütig
im Gebet verharrt. Vom Tod der Gottesmutter oder gar von einer leiblichen
Aufnahme in den Himmel sagt das Neue Testament nichts. Trotzdem nimmt
die Entschlafung der Gottesmutter in der Tradition der katholischen wie
auch der orthodoxen Schwesterkirche den großen Stellenwert als eines
der höchsten Feste im Jahreskreis ein. Warum? Ich darf dazu Ihren
Blick einmal auf die Ikonendarstellung der Entschlafung Mariens lenken.
Die Ikonographie zu diesem Thema entwickelte sich erst vom 9. Jahrhundert
an. Sie reflektiert die fantasiereiche Erzählung der Dormitio, deren
Lektüre schon früher zum Bestandteil der Festfeiern geworden
war und deren Bedeutung für den Glauben die Kirchenväter, insbesondere
Johannes von Damaskus, vertieft hatten. Ihre Argumente für die leibliche
Aufnahme treten schon in den Schriften der ersten Jahr-hunderte zutage,
wenn auch nur symbolisch ausgedrückt. Es ging um die Würde des
Leibes der allerreinsten Jungfrau, der "die Wohnung" des Herrn
geworden ist, und um die Teilnahme Mariens am glorreichen Leben des Sohnes.
Von hier aus erklärt sich der dominierende Symbolismus des Lichtes.
Das Thema des Lichtes ist auch der Schlüssel zum Verständnis
der Dormitio-Ikone. In der Mitte der Ikone ist der entschlafene Leib der
Gottesmutter zu sehen, umgeben von den Aposteln und Trauernden. Im Zentrum
aber - und das ist nun das Entscheidende - zeigt die byzantinische Bildtradition
unseren Herrn Jesus Christus mit Licht bekleidet als Kyrios, als Pantokrator,
der vom Himmel herabgestiegen ist und die kleine Gottesmutter - Mutter
des Lichtes - in weißen Gewändern (gemeint ist damit die Seele
Mariens) in seinen Armen hält. Betrachten wir diese Geste einmal
genauer:
Es besteht eine Analogie zwischen der Ikone der Entschlafung Mariens (Koimoisis)
und der Ikone der Auferstehung des Herrn (Anastasis). Die westlichen Bilder
unterscheiden zwei Aspekte nach dem Tode Jesu: Zuerst tritt der Tod ein,
dann folgt das Hinabsteigen zu den Vätern und anschließend
folgt die Auferstehung. In der Ostkirche hingegen sieht man schon in dem
Hinabsteigen in die Unterwelt die Auferstehung. Der Tod ist schon durch
den Tod besiegt. Der gleiche theologische Gedanke findet sich in der Dormitio-Ikone.
Die Entschlafung ist bereits die Auferweckung im Gottesreich.
Auf der Ikone ist der Moment des Todes dargestellt. Die Seele fährt
nicht in die Unterwelt (Sheol) - das entspräche der jüdischen
Theologie -, sie fährt auch nicht in den Himmel hinauf - das entspräche
der Idee der Platoniker. Christus nimmt die Seele Mariens in seinen Händen
auf: Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand (Weisheit 3, 1). Zärtlich
trägt der Kyrios die Seele Mariens in den Armen.
Damit aber veranschaulicht uns die ostkirchliche Ikonographie diese auffallende
Analogie: wie auf den altbekannten, üblichen Madonnenbildern Maria
den Christusknaben auf ihren Armen hält, so hält hier Christus
die "kleine" Gottesmutter auf seinen Armen. Diese schöne,
bildliche Parallelität führt uns in der Tat in das Wesentliche
unseres Festes: Das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel ist die
entscheidende Analogie, die große Entsprechung, ja, Ergänzung
zur Inkarnation, zur Menschwerdung Gottes. Wie Gott aus dem Menschen Maria
geboren und zum Mensch wurde, so wird nun Maria, ein reiner Mensch, in
das Göttliche aufgenommen. Der Menschwerdung Gottes entspricht die
Vergöttlichung, die Gott-Werdung, die Theosis des Menschen. Und wir
Benediktiner besingen das am Fest der Gottesmutter Maria am 1.Januar in
einer Antiphon "O, wundersamer Tausch. Des Menschen Schöpfer
nimmt Fleisch an und wird aus der Jungfrau geboren. Gott wird Mensch und
schenkt uns Menschen seine Gottheit."
Erst damit erfüllt sich der Heilsplan Gottes, die Verheißung,
der Sinn der Offenbarung, denn Gott wird ja nur Mensch, damit der Mensch
wieder göttlich werde! Dies ist der Sinn der ganzen göttlichen
Heilsgeschichte. Mit der Entschlafung der Gottesmutter und ihrer Aufnahme
in das Göttliche hat sich zum ersten Mal und im Prinzip die ganze
göttliche Offenbarung erfüllt, ist zum ersten Mal an ihrem Ziel
angekommen. Nun ist paradigmatisch wirklich alles vollbracht. Zum ersten
Mal ist der reine Mensch - nicht mehr ein Gottmensch wie Jesus Christus
- in das Göttliche heimgegangen.
Was nun noch aussteht, ist nichts Prinzipielles mehr, sondern nur Wiederholung:
Wiederholung an den anderen Menschen, an der Kirche. Was an Maria geschehen
ist, muss sich an uns noch wiederholen. Aber es ist nichts prinzipiell
Neues mehr.
Die Gottesmutter Maria auf dem Bild ist das Bild der vollkommenen Seele,
ist Bild der erlösten Menschheit, ist Bild der Kirche. Die Kirche
feiert also an dem heutigen Hochfest nichts anderes als ihre eigene Zukunft;
die Zukunft, die damit schon da ist, die in der Liturgie schon gegenwärtig
ist und auf die wir in unserem Leben mit Blick auf die Gottesmutter unablässig
zugehen sollen und auf ihre Fürsprache vertrauen.
"Im Gebären hast du die Jungfräulichkeit bewahrt und im
Entschlafen die Welt nicht verlassen, Gottesgebärerin: denn zum Leben
gingst du hinüber als Mutter des Lebens und rettest uns durch deine
Fürbitte vom Tode." (Troparion des heutigen Festes)
"Hört auf zu malen!": Das können wir angesichts des
heutigen Festes nicht sagen. Wir müssen dieses Fest "malen",
weil es uns sagen will: Nichts ist in unserem Leben verloren, nichts wird
von Gott vergessen oder getrennt werden. Alles wird verwandelt und zur
Vollendung geführt werden. Hören wir also nicht auf, dieses
Bild zu malen! Genau so! Amen!
P. Bernhard M. Alter OSB
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