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28. Rundbrief - Oktober 2005
Aus dem Studienjahr: Zwischen Exegese und Exodus
Fragen an die Studierenden von Br. Antonius Schmaltz OSB
Das neue Studienjahr hat begonnen. Seit dem 20. August leben
19 Studentinnen und Studenten nur einen Steinwurf von uns Mönchen
entfernt im Beit Josef. So nah und doch so fern: Für viele Fragen
war bislang kaum Gelegenheit. Jetzt sind sie im Sinai auf Exkursion. Ihre
Antworten liegen auf meinem Schreibtisch. Von meinem Fenster blicke ich
auf das King David Hotel. Meine Gedanken schweifen ins 5-Millionen-Sterne
Hotel in der Wüste. "Krasser Sternenhimmel", würde
Jörg vielleicht jetzt sagen: So fern und doch so nah.
Im Heiligen Land
Warum studierst Du im Heiligen Land? Welche Erwartungen,
welche Bilder vom Heiligen Land und von der Stadt Jerusalem hast Du mitgebracht?
Welche davon sind bereits demontiert?
"Ich hatte mir - trotz ständig schlechter Nachrichten - das
Heilige Land etwas offen-sichtlich heiliger und weniger chaotisch vorgestellt.
Und auch eher ruhiger und erhabener. In den Exkursionen mit Prof. Bieberstein
hat man ganz stark die Spannung zwischen dem Jerusalem zur Zeit Jesu (von
dem man bestenfalls ein paar Mauerreste findet und sich dann meist immer
noch nicht sicher sein kann, ob Jesus mit ihnen in Berührung gekommen
ist) und dem geschäftigen Jerusalem von heute - einer scheinbar ganz
normalen orientalischen Stadt - gesehen. Geschockt bin ich aber nicht.
Mich beeindruckt der gelebte Glaube in Jerusalem. Ich habe noch nie so
viele christliche Konfessionen an einem Ort gesehen und gläubige
Juden noch nie so nah gesehen. Ich hoffe, dass wir noch mehr Kontakte
zur Orthodoxie, Juden und Muslimen bekommen".
Anna, 22
"Ich studiere hier, weil mich Land und Leute in ihrer Andersartigkeit
und Vielfalt interessieren. Natürlich spielt das Heilige Land als
Schauplatz der Bibel eine große Rolle für mich. Ich hoffe,
dass ich mich hier Themenfeldern wie der Archäologie oder Ostkirchenkunde
annähern kann, die in meiner Heimatuni nicht thematisiert werden.
Eigentlich wurden noch keine Vorstellungen von mir demontiert."
Katharina, 21
"Ich studiere hier, um "das fünfte Evangelium", also
das Land, die Landschaften und auch die Mentalität der Menschen kennen
zu lernen. Faszinierend ist für mich das Zusammenleben der verschiedenen
Religionen, die hier in Jerusalem wie in einem Brennpunkt zusammengefasst
sind. Ich erhoffe mir Impulse, die ich in der Ökumene vor Ort - also
daheim in Deutschland - umsetzen und weitergeben kann."
Dieter, 29
"Im Heiligen Land studiere ich, weil ich gerne Exegese und Kirchengeschichte
mit Bezug zu den historischen Stätten und Archäologie studieren
möchte. Ich bin mit der Erwartung gekommen, genau dies tun zu könne
und wurde bisher nicht enttäuscht. Jerusalem habe ich mir als laute,
lebendige und von Menschen aus aller Welt bevölkerte Stadt vorgestellt
- aber nach einem Studienaufenthalt in Rom erscheint mir Jerusalem eher
klein, ruhig und geordnet."
Ralf, 24
"Die Stätten, die Menschen, die Geschichte - ich bin fasziniert.
Demontiert wurde noch nichts, von dem Land bin ich weiterhin begeistert,
angezogen und würde mich sehr freuen, wenn ich mehr mit den "Einheimischen"
zu tun hätte. Soweit ich Kontakte hatte, war ich sehr positiv überrascht."
Alice, 21
"Zum Studium in Israel bin ich über meine Dozenten gekommen,
die sehr für das Studienjahr geworben haben. Mein Interesse für
diese Land bestand aber schon vorher, nicht zuletzt auch deswegen, weil
meine ehemalige Schule eine Partnerschule in Tel Aviv hat. Außerdem
habe ich großes Interesse daran, die Wurzeln und Anfänge meiner
eigenen Religion vor Ort kennen zu lernen. Da ich aus Köln komme
und viele Leute aus dem "Verein vom Heiligen Land" kenne, wusste
ich aus etlichen Berichten schon, was mich in Israel und Jerusalem erwartet.
Bei mir sind keine Erwartungen demontiert worden, sondern ich war häufig
eher angenehm überrascht."
Manuel, 24
Ora et labora!
Die ersten drei Wochen des Studienjahres waren sehr arbeitsreich.
Es gab neben den Vorlesungen bereits zahlreiche Exkursionen und abends
oft Vorträge zu Spezialthemen. Welchen Raum nimmt daneben die in
der Abtei gemeinschaftlich gelebte Spiritualität (Stundengebet, Messen)
für Dich ein? Wie sind Deine ersten Eindrücke? In welchem Verhältnis
stehen hier auf dem Zion in Deinem Studienalltag Gebet und Arbeit zueinander?
"Das Stundengebet und die Gottesdienste gliedern, soweit ich sie
besuchen kann, meinen Tag: Sie sind Kraftquelle am Morgen, Ruhepole in
der Hektik des Studierens, Lobpreis am Abend: Dank und Bitte (durch Gebet,
Singen der Psalmen und Mitfeiern der Eucharistie) vor IHN zu bringen,
der uns soviel gegeben hat."
Dieter, 29
"Als Lutheraner nehme ich nicht an den Messen in der Abtei teil.
Das Stundengebet hingegen ist jedoch für mich ein wichtiger Bestandteil
des Tagesablaufes, auch wenn ich nicht immer regelmäßig daran
teilnehmen kann. Die herzliche Aufnahme, die wir in der Abtei gefunden
haben, wirkt einladend. Ich finde, dass in der Theologie Gebet und Studium
nicht unverbunden nebeneinander stehen können, weshalb sie verbunden
sein sollten. Dass dies hier auch gemeinschaftlich möglich ist, begrüße
ich."
Ralf, 24
"Als Studentin der evangelischen Theologie ist es nicht immer einfach,
die "Abgrenzung" der katholischen Kirche zu verstehen bzw. anzunehmen...
wobei ich hoffe, dass das Studienjahr die Möglichkeit bieten wird,
mich persönlich mit der katholischen Haltung gegenüber anderen
Konfessionen und mit ihrer Theologie auseinander zu setzen. Was das Stundengebet
betrifft, so sind mir die Mittags- und Abendgebete (Vesper und Komplet)
ans Herz gewachsen. Ich spüre, wie mir diese Zeiten gut tun. Gerade
nach einem vollen Morgen-/Nachmittagsprogramm ist es so wohltuend, zum
Gebet zu gehen, weil ich danach den Kopf wieder frei habe und mich danach
ruhig zurück an die Arbeit setzen kann. So erlebe ich die Gebetszeit
als geschenkte Zeit - würde sie fehlen, hätte ich echt Schwierigkeiten,
das volle Programm auszuhalten."
Mary-Gabrielle, 25
"Ich habe in der ersten Woche noch versucht, einigermaßen regelmäßig
in das ein oder andere Stundengebet zu gehen. Das Studieren hier ist wirklich
sehr intensiv und dadurch Zeit raubend. Oft hat es dann aus zeitlichen
Gründen nicht sollen sein, am Stundengebet teilzunehmen. Da ich in
meiner Vergangenheit bisher weniger Spiritualität gelebt hatte, war
und ist das ohnehin für mich eine neue Erfahrung, von der ich natürlich
vor dem Studienjahr wusste. Gerade wegen meiner wenigen Erfahrungen sehe
ich es hier aber als Chance und Möglichkeit, diese "Lücke"
füllen zu können, um zumindest eine Ahnung zu bekommen, wie
so etwas "geht" und vor allem wie es auf mich wirkt!"
Tobias, 23
"Ich fühle mich sehr eingeladen und willkommen bei den Gebeten
in der Abteikirche. Schon bevor ich hierher kam, liebte ich das benediktinische
Stundengebet sehr und ich bin ein Stück weit darin beheimatet. Besonders
die kurzen Horen (Mittagsgebet und Komplet) bete ich gerne mit. Es ist
gut, mal aus dem Beit Joseph rauszukommen und gemeinsam in der Kirche
zur Ruhe zu kommen. Das Friedensgebet am Mittag ist mir sehr wichtig.
Man kann noch so viel lernen und wissen, das Gebet berührt immer
eine ganz andere, höhere Dimension."
Anna, 22
Wüste
Am Samstag werdet ihr einen ganzen Tag in der Wüste,
im Wadi Quelt, verbringen. Eine längere Exkursion in den Sinai wartet
auf euch. Die Israeliten wanderten mit Mose vierzig Jahre durch die Wüste.
Jesus fastete vierzig Tage in der Wüste. Auch die ersten Mönchsväter
zog es in die Abgeschiedenheit der Wüste. Was zieht Dich in die Wüste?
"Mal so richtig in die Einsamkeit vor Gott geworfen zu werden. Das
an die eigenen Grenzen gehen', die krasse Landschaft auf sich wirken
lassen."
Jörg, 24
"Bin noch nie in einer Wüste gewesen. Kenne bislang nur Touren
im Hoch- und Mittelgebirge, bin deshalb auf die Wüstenexkursion besonders
gespannt. Mich motiviert also zunächst das "Out-door-Erlebnis".
Als Theologen reizt mich die Wüstentour insofern, als sie einen geographisch-geologischen
Vorstellungshorizont bietet für die Lektüre der Exodus-Erzählungen
(auch wenn sich Sinai, Horeb usw. nicht lokalisieren lassen)."
Christoph, 24
"Einerseits hat die Abgeschiedenheit einen gewissen Reiz, andererseits
ist es sehr spannend zu erleben, wie eine Gruppe sich unter einem notwendigerweise
intensiven Zusammenleben und Aufeinanderangewiesensein entwickelt."
Manuel, 24
"Die Wüste als Ort der Prüfung und Gotteserfahrung - so
stelle ich sie mir wenigstens noch vor - macht frei von den Bindungen
des Alltags, lässt durch ihre Nüchternheit und scheinbare Leblosigkeit
tief blicken, lässt möglicherweise leichter Antworten auf eigene
Lebensfragen finden."
Dieter, 29
"Ich freue mich total auf die Sinai-Exkursion. Orte der Einsamkeit,
weg von menschlichem Trubel, haben mich schon immer fasziniert (deshalb
liebe ich auch die Berge): es gibt keine Ablenkung, alles, was sich mir
präsentiert, ist die Natur. Ich habe das Gefühl, dass ich an
solchen Orten mir selber näher bin und so auch freier, mich auf Gott
einzulassen'."
Mary-Gabrielle, 25
"Um ehrlich zu sein: Mich zieht es gar nicht so unbedingt in die
Wüste. Ich stelle mir das Leben dort sehr hart und erbarmungslos
vor. Auf der anderen Seite möchte ich gerade deshalb in die Wüste.
Ich möchte verstehen, warum z.B. das Mönchtum gerade dort entstanden
ist. Die Wüste ist fascinosum et tremendum' zugleich.
Anna, 22
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