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28. Rundbrief - Oktober 2005

Nachrichten aus Tabgha - Bericht des Priors

"Ich liebe die Religionen, ver-liebt bin ich in die eigene." (Theresa von Kalkutta)

Im Kloster von Tabgha. Foto: P. Johannes Oravecz OSB
Diese persönliche Überzeugung der Seligen Mutter Theresa von Kalkutta kann auch uns in der religiösen Vielfalt des Heiligen Landes zur Weisung werden: "Ich liebe die Religionen; ver-liebt bin ich in die eigene." - Die Vielfalt ist und bleibt eine Herausforderung, die sich selbst in der Geschichte unseres konkreten Ortes Tabgha zeigt.
Auf dem Weg von Jerusalem nach Tabgha fährt man kurz vor Tabgha über einen Hügel, von dem aus sich der Blick auf die Plantagen, die Brotvermehrungskirche und das Kloster am Seeufer öffnet. Dieser Tell el-Oreme genannte Hügel birgt in sich reiche Geschichte: das alte Kinneret. Kürzlich erläuterte uns vor Ort ein Schweizer Archäologe die Geschichte des Tells, dessen Siedlungsspuren nachweislich bis in die Frühbronzezeit (3300-3000 v.Chr.) zurückreichen. Mich erstaunte besonders, dass die Ansiedlungen hier seit je her in Kontakt mit anderen Kulturen standen, da sie an der Via Maris lagen, jener wichtigen Handels- und Pilgerstraße, die die Kulturzentren Ägypten und Syrien miteinander verband. Biblisch belegt ist diese "Straße am Meer", die unmittelbar an den alten Fundamenten unserer Brotvermehrungskirche vorbeiläuft, beim Propheten Jesaja (Jes 8,23) und beim Evangelisten Matthäus (Mt 4,15).
Es kam mir der vielleicht etwas kühne Gedanke, dass sich im Grunde nicht viel verändert hat: Die Unterschiede der hier aufeinander treffenden Menschen und die interkulturellen Herausforderungen sind dieser Gegend geblieben bis auf den heutigen Tag. Auch als Jesus aus Nazareth in Obergaliläa an das Seeufer kam, traf er hier nicht nur auf Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Kultur, sondern auch auf die so genannten Heiden der Gaulanitis. In der bleibenden Herausforderung dem Fremden, dem Anderen zu begegnen, ist Christus selbst die große Veränderung, die Wende im Leben unter der Vielfalt: "Das heidnische Galiläa, das Volk das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen." (Mt 4, 16)
In den ersten Jahrhunderten entwickelten sich Tabgha und Kafarnaum zu christlichen Zentren in einem Umfeld, das durch die Rabbiner, die nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels in Galiläa eine neue Heimat gefunden hatten, auch immer stärker jüdisch geprägt wurde. Historiker gehen davon aus, dass in dieser Region am Nordwestufer des Sees Genesareth zum ersten Mal der religiöse Brennpunkt der drei monotheistischen Weltreligionen im Heiligen Land fassbar wird, als mit dem sich ausbreitenden Islam neben Juden und Christen in der Gegend von Betsaida auch muslimische Beduinen ihre Toten bestatteten. (Vgl. Gabriele Faßbeck u.a. (Hrsg.), Leben am See Genesaret. Kulturgeschichtliche Entdeckungen in einer biblischen Region, Mainz 2003). - Die Völker- und Glaubensvielfalt bleibt.
Für uns Benediktiner ist es besonders interessant, dass es in diesem multikulturellen Kontext in Tabgha selbst bereits früh eine monastische Tradition gab, vermutlich schon im 4. Jahrhundert. Noch im Jahre 723 n.Chr., mehr als 100 Jahre nach der Zerstörung der byzantinischen Kirche durch den Persersturm, trifft der Pilgermönch Willibald, der spätere Bischof von Eichstätt, auf ein Kloster in Tabgha, namens Heptapegon mit 10 Mönchen.

Heute ist das Umfeld unseres Klosters nicht weniger vielfältig als früher: Neben Juden, Muslimen und Drusen leben einheimische Christen in Galiläa, wenn sie auch, selbst in Nazareth, immer mehr zu einer Minderheit werden. - Die arabischen Christen im Heiligen Land sitzen quasi "zwischen allen Stühlen".
Damit Sie sich den inneren Reichtum, aber auch die Schwierigkeit, denen sich ein arabischer Christ ausgesetzt sieht, etwas vorstellen können, möchte ich mit Ihnen Eindrücke teilen, die ich aus vielen Gesprächen mit Christen hier in Galiläa gewonnen habe...

Als arabischer Christ in Israel ...

Als arabischer Christ in Israel lebst du in einer arabisch-muslimischen Kultur, was die Lebensgewohnheiten in den Familien angeht. Deine Muttersprache ist Arabisch, die Sprache des Koran. Erzogen wurdest du vielleicht in einer westlich geprägten christlichen Schule und aufgewachsen bist Du im Glauben und der Glaubenspraxis der griechisch-katholischen (das sind die meisten), der griechisch-orthodoxen oder der lateinischen (d.h. römisch-katholischen) Kirche. Aus der Sicht der Israelis bist du ein Araber bzw. Palästinenser. Wobei sie einen Unterschied machen, wenn sie dich fragen: "Bist du Araber oder Christ?" - Du bist aber beides. Was sie eigentlich fragen: "Bist du Muslim oder Christ?"
Bei deinen beruflichen Chancen, etwa bei der Vergabe von Studienplätzen an der hebräischen Universität, bist du als arabischer Christ mit israelischem Pass (!) gegenüber einem jüdischen Israeli eindeutig benachteiligt.
Aus muslimischer Sicht bist du als Christ mit der westlich-christlichen Welt verbunden. - Du liebst dein Land! Aber von deinen muslimischen Nachbarn wird dir vermittelt, dass du nicht richtig dazu gehörst, auch wenn du Araber bist. Denn gegenüber den Israelis wirst du dich nicht mit den Muslimen solidarisieren. Also halt den Mund, wenn es um Politik geht. Triffst du auf extreme Muslime in deinem Dorf oder siehst du extreme arabische Sender im Fernsehen, wirst du als crusader, als Kreuzfahrer, bezeichnet, wenn nicht gar beschimpft.
Du lebst als Araber in ihrer Kultur, traust aber den palästinensischen Behörden nicht und bist froh, trotz Benachteiligungen unter der israelischen Regierung leben zu können, insbesondere, wenn Du in Dörfern wie Rameh, oder Mughar* wohnst. Du weist, dass die Konflikte in diesen Ortschaften den Israelis gelegen kommen, weil sie dir so deutlich machen können, wie sehr du ihren Schutz brauchst.
Bei einer Wahl wählst Du vielleicht die wenigen arabischen Abgeordneten, die für die Knesset, das israelische Parlament, kandidieren, aber Du traust ihnen ebenso wenig wie den israelischen Abgeordneten.
Du bist frustriert über die Nachbarländer der arabischen Welt, die die Palästinenser nicht sehr mögen, aber mit den Israelis "dicke Geschäfte" machen.
Zugleich durchlebst du als junger Mensch im Zeitalter der medialen Vernetzung ähnliche Erfahrungen und Entwicklungen wie deine Altersgenossen in Europa... Vielleicht sogar noch viel stärker, weil Du aus einer sehr traditionell-patriarchal organisierten Familie (eben kulturell arabisch-muslimisch geprägt) stammst, aus der du dich zu lösen versuchst.
Doch wohin geht die Reise? Nach Kanada auswandern wie etliche deiner christlichen Nachbarn willst du nicht. Könntest du wählen zwischen der westlichen und der arabischen Welt, würdest du auf jeden Fall die arabische vorziehen. Denn hier bist du zu Hause.
Wenn du schon Anfang dreißig bist, aber immer noch nicht verheiratet, bist du konfrontiert mit den ungeduldigen Fragen deiner besorgten Eltern und mit dem Unverständnis in deinem Dorf oder in deiner Stadt.
Du fragst dich nach dem Sinn deines Lebens und bist froh, wenn du in deiner geistlich-reli-giösen Suche auf Gleichgesinnte triffst, mit denen du nicht nur diskutieren, sondern auch Glauben teilen und beten kannst. Christen aus dem Ausland sind für dich immer interessante Gesprächspartner; und du bist auf jeden Fall dabei, wenn dein Pfarrer eine deutsche oder italienische Pilgergruppe in seine Gemeinde eingeladen hat.

Diese Liste von nachdenklich stimmenden Eindrücken aus persönlichen Begegnungen, könnte ich noch lange fortsetzen...

Als Christ unter Christen in Israel ...

Welche Aufgabe haben wir als ausländische Ordensleute, die nicht nur das Heiligtum der Brotvermehrung für ausländische Pilger betreuen, sondern auch soweit als möglich in der Ortskirche einwurzeln möchten? Die erste Antwort einheimischer Christen auf diese Frage ist meistens eine sehr pragmatische: Wir sind froh, dass ihr durch eure Klöster christliches Land sichert, das so nicht konfisziert werden kann. Und sie fügen hinzu: Aber wir bedauern, dass wir so wenig von euch wissen, und ihr so sehr in eurer "eigenen Welt" lebt.

Mir ist bewusst geworden, dass die Ordnung eines monastischen Lebens, insbesondere die Dimension der Stille und Zurückgezogenheit, für die arabische Mentalität, wie wir sie in Israel vorfinden, zunächst fremd ist. (Im Libanon ist das unter dem Einfluß der monastischen Bewegung in der maronitischen Kirche anders.) Das muss uns nicht hindern, dies zu leben. Aber es bedarf unserer Offenheit, uns darin verständlich zu machen.
Um so erfreulicher und erstaunlicher ist es, wenn in persönlichen Begegnungen die Aufmerksamkeit für unser Leben wächst: "Wir brauchen die Stille, wir brauchen die Einfachheit des Herzens", sagte zu mir ein junger Mann nach dem Gottesdienst, den wir am 23. August abends zum Gedenken an den ermordeten Frère Roger mit Familien und Jugendlichen aus Nazareth in der Brotvermehrungskirche gefeiert haben, mit eben jener Gruppe, mit denen wir uns inzwischen regelmäßig zum Taizé-Gebet in unserer Kirche treffen.
Ich bin davon überzeugt, dass die Erfahrung der lebendigen Stille im geistlichen Leben eine neue Perspektive in der eigenen geistlichen Identitätssuche aufkommen lässt, und dass genau hier eine große Sehnsucht besteht.

Wenn die eigene verschränkte arabisch-muslimische und westlich-christliche Kulturzugehörigkeit nicht mehr als Irritation, sondern als innerer Reichtum erlebt werden könnte, dann ist der Weg zur christlichen Aufgabe des Brückenbauens als Friedensdienst nicht mehr weit. Doch dieses für sich selbst zu entdecken, braucht einen lebendigen Rückhalt im geistlichen Leben.
Hierin können sich Ordensleute aus dem westlichen Ausland und arabische Christen treffen und finden, im lebendigen Glauben an Christus und im gemeinsamen Lob Gottes.

Die Haltung einer Mutter Theresa, ver-liebt zu sein in die eigene Religion und die anderen Religionen zu lieben, erscheint im komplexen Konflikt des Heiligen Landes unerreichbar, als Orientierung aber unaufgebbar.

Gelegenheiten zur Begegnung und zum Gespräch mit einheimischen Christen gibt es viele: Bei Wallfahrten und Gottesdiensten an den Heiligen Stätten - natürlich auch bei unserem Brotvermehrungsfest im November - beim Einkauf in den galiläischen Dörfern, wenn man mit christlichen Handwerkern zu tun hat... Und dann gibt es nicht zuletzt die arabischen Mitarbeiter unseres Klosters, die uns wie selbstverständlich in unserem klösterlichen Lebensalltag unterstützen. Von ihnen ist im Rundbrief eher selten die Rede, dieses Mal darf ich sie Ihnen kurz vorstellen. Ihnen sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich und von Herzen gedankt für ihren treuen Dienst.

Unsere Mitarbeiter in Tabgha:
Im Shop Sami Jabali, in Gästehaus und Waschküche Zuhad Jeries, in der Verwaltung Osama Rashed und Ibrahim Sbait in der Küche.
Alle Fotos: P. Johannes Oravecz OSB

Wer schon einmal von Ihnen als Gast bei uns in Tabgha war, kennt unseren Koch Ibrahim Sbait. Er ist seit vielen Jahren schon bei uns und wohnt mit seiner Familie in Rameh (Obergaliläa), wo Christen und Drusen nicht ohne Spannungen nebeneinander und zum Teil gegeneinander leben, bis hin zu blutigen Konflikten. Ibrahim und seine Familie gehören zur melkitischen (d.h. griechisch-katholischen)Pfarrgemeinde von Rameh. Er war noch ein Kind, als 1951 sein Heimatdorf Igrit an der libanesischen Grenze zerstört wurde und die Bewohner fliehen mussten. Von Igrit ist nur noch die Kirche und der Friedhof geblieben, wo bis heute die verstorbenen Angehörigen begraben werden.

Zuhad Jeries ist Mutter von vier erwachsenen Kindern, kommt ebenso aus Rameh und gehört zur dortigen griechisch-orthodoxen Pfarrgemeinde. Sie arbeitet in unserer Waschküche und putzt im Gästehaus. Ungewöhnlich ist sicherlich, dass sie den arabischen Haushalt ihrer Familie als überzeugte Vegetarierin bestreitet. Sie hat schon als Kind in Tabgha gespielt, als ihre Eltern bei unseren franziskanischen Nachbarn an der Primatskirche beschäftigt waren.

In unserer Verwaltung arbeitet als Buchhalter Osama Rashed, jüngster Sohn einer 14-köpfigen griechisch-katholischen Familie aus Reneh bei Nazareth. Vieles managt und organisiert er für uns; durch seine Mitarbeit ist seit drei Jahren die selbständige Verwaltung Tabghas möglich.

Aus Nazareth kommt Sami Jabali, der als ehemaliger Barkeeper in unserem Souvenirshop ein kontaktfroher und gewandter Verkäufer ist. Mit seiner Sprachenvielfalt (Muttersprache Arabisch, gelernt: Ivrit, Englisch und Italienisch) kann er orientalisch flott auf die unterschiedlichsten Pilger (fast) gleichzeitig eingehen. Auch für ihn ist seine Arbeitsstelle quasi eine Rückkehr an den See Genesareth, denn seine Eltern haben früher den Franziskanern in Tiberias geholfen und haben ihn als kleinen Jungen im Sommer oft mitgenommen.

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Gemeinschaft, in Ihrer Solidarität mit unserer Gemeinschaft unterstützen Sie auch unsere Angestellten und ihre Familien. Ich danke Ihnen sehr, insbesondere auch für Ihr begleitendes Gebet, in dem wir uns Ihnen allen auch in Zukunft verbunden wissen.

Mit einem Segensgruß aus Tabgha
Ihr


      P. Jeremias Marseille OSB