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28. Rundbrief - Oktober 2005
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aber ich halte an der Hoffnung fest, und
in den Zeiten des Krieges daran festzuhalten, gibt dem Wort Hoffnung eine
neue Bedeutung!"
Ein europäischer Mönch und ein palästinensischer Pfarrer
der lutherischen Kirche im Gespräch: Begegnung von Br. Thomas Geyer
OSB und Pfarrer Dr. Mitri Raheb in Betlehem
Br. Thomas: Mitri, im Herbst 1990 habe ich, ein Fremder
aus Deutschland, Dich zum ersten Mal in Betlehem besucht. Ende August
war ich nach Jerusalem aufgebrochen, um nach siebenundzwanzig Jahren als
Priester des Bistums Trier Mönch der Benediktinerabtei auf dem Zion
in Jerusalem zu werden. Das erste Buch, das mir in der Abtei in die Hände
fiel, war von Dir verfasst: "Ich bin Christ und Palästinenser".
Über das Lesen ging mir Greenhorn aus Old Germany zum ersten Mal
bewusst auf: Es gibt auch palästinensische Christen. Es reizte mich,
den Verfasser des Buches, Mitri Raheb, in unmittelbarer Nachbarschaft
in Betlehem aufzusuchen. Ich machte mich auf in die Geburtsstadt Jesu
und fand Dich in einem kleinen, bescheidenen Büro neben der Weihnachtskirche.
Vor mir saß ein Pfarrer, jung verheiratet, voller Visionen, der
Hoffnung ausstrahlte, obwohl die erste Intifada noch voll im Gange war.
Mitten in der Intifada gab es Hoffnung und Zukunftspläne! Das war
für mich überraschend.
Du wirst Dich selbst bestimmt auch noch an diese Anfänge Deiner Dienstzeit
erinnern und sie besser aus Deiner Perspektive schildern können.
War es christliche Hoffnung, die Dich antrieb, gegen alle Hoffnung zu
hoffen, wie wir bei Paulus im Römerbrief lesen: "Gegen alle
Hoffnung hat Abraham voll Hoffnung geglaubt!" (Röm 4,18) ?
Hoffnung auf Frieden
Mitri Raheb: Natürlich kann ich mich an diese
Zeit noch sehr gut erinnern. Damals war ich wie viele andere auch noch
optimistisch: Wir hofften weiterhin darauf, dass die Gerechtigkeit die
Oberhand gewinnen würde. Wir hatten die Vision, dass Palästinenser
und Israelis eines Tages friedlich zusammenleben könnten. Eine Vision,
dass die Besatzung eines Tages enden würde und Palästinenser
wie Israelis die menschliche Seite des anderen entdecken könnten.
Eine christliche Hoffnung "gegen alle Hoffnung" war es aber
noch nicht.
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Pfarrer Dr. Mitri Raheb.
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Br. Thomas: An die erste Begegnung im Jahre 1990 schlossen sich
mehrere Besuche mit Gruppen und Einzelpersonen bei Dir in Betlehem an.
Aus konkreten Erlebnissen war in den Gesprächen mit Dir stets der
Ruf nach Recht und Gerechtigkeit für alle, sowohl für Israelis
als auch Palästinenser, herauszuhören. Ich konnte das aus eigenen
Erlebnissen meiner Kindheit und Jugend gut nachvollziehen. In Saarbrücken,
einer Grenzstadt zu Frankreich, bin ich aufgewachsen. Das war auch unser
Schicksal. Schon mit vier Jahren musste ich mit meiner Mutter und Geschwistern
die Stadt verlassen. Die Front der Deutschen baute sich in unserer Stadt
gegen Frankreich auf. Ein Kindheitsereignis, das ich zum ersten Mal bewusst
wahrnahm.
Wenn ich mich erinnere, hattest Du mit fünf Jahren ein ähnliches
Erlebnis. Bei der Einnahme Betlehems 1967 durch das israelische Militär
warst Du als Fünfjähriger mit Deiner Mutter in die Geburtskirche
geflüchtet. Was ist Dir davon noch in Erinnerung geblieben?
Mitri Raheb: Ich kann mich noch einigermassen gut an den Sechs-Tage-Krieg
1967 erinnern. Kurz nachdem der Krieg ausgebrochen war und Israelis Bethlehem
unter Beschuss nahmen, brachte meine Mutter mich auf ihren Armen in die
Geburtskirche. Mein Vater weigerte sich, das Haus zu verlassen. Er hatte
noch in Erinnerung, wie Palästinenser, die im Jahre 1948 ihre Häuser
verlassen hatten, niemals mehr in ihre Häuser zurückkommen konnten.
Sie mussten von da an als Flüchtlinge in Lagern leben. Mein Vater
wollte sein Haus verteidigen. Lieber wollte er dort sterben. Die Geburtskirche
wimmelte von christlichen und muslimischen Palästinensern, die in
der Kirche Zuflucht fanden und sich während der Bombardierung geborgen
fühlten.
Sorge um die Kinder
Br. Thomas: Ende 1940 kehrte unsere Familie wieder
nach Saarbrücken zurück. Im Herbst 1941 erlebte ich den ersten
Bombenangriff auf unsere Stadt. Jahr für Jahr steigerten sich die
Luftangriffe auf die Stadt und der Beschuss auf Passanten, auch auf uns
Kinder, mit Bordwaffen. Im Oktober 1944 wurde die Stadt achtundvierzig
Stunden lang Tag und Nacht angegriffen. Die Stadt war zu achtzig Prozent
dem Erdboden gleich gemacht. Es war die schlimmste Zeit meiner Kindheit.
Unsere Generation nannte man nach dem Zweiten Weltkrieg "die Kellerkinder".
Nach dem Großangriff 1944 mussten wir zum zweiten Mal die Stadt
verlassen. Die Stadt wurde von Müttern und Kindern vor der herannahenden
amerikanischen Front evakuiert. Hinzu kam, dass wir Kinder kurz vor unserer
Evakuierung erfuhren, dass unsere besten Spielkameraden mit ihrer Mutter
verschwunden waren, da die Mutter Jüdin war. Alle diese Kindheitserlebnisse
haben in mir tiefe Wunden und Traumata hinterlassen. Bis ins Erwachsenenalter,
ja, bis heute habe ich Alpträume mit Bombenangriffen.
Mitri, Du weißt ähnliche Schicksale von Kindern in Betlehem.
Wie äußern sich solche Traumata bei den Kindern und was geschieht
mit diesen Kindern, die doch seelisch Schaden genommen haben?
Mitri Raheb: In der Tat und vor allem in den letzten fünf
Jahren sind viele Kinder traumatisiert worden. Ausgangssperren waren monatelang
über unsere Städte und Dörfer verhängt, d.h. Kinder
waren dazu verurteilt, in ihren engen und dicht bewohnten Häusern
zu bleiben. Sie konnten nicht draußen spielen und in die Sonne gehen.
Fast jedes Kind hatte Schiessereien und die Geräusche von Panzern
in seiner Nähe gehört. Viele mussten erleben, wie ihre Väter
vor ihren Augen gedemütigt wurden, und ihre Kinder nicht mehr schützen
konnten. Kinder und Jugendliche durften nicht ins Ausland reisen. Dann
kam die Mauer, die so hoch ist und die ihren Horizont begrenzt. Das hat
viele traumatisiert. Viele haben Schlafstörungen und Probleme sich
zu konzentrieren. Eines unserer Programme mit dem Namen "Leuchtende
Sterne" hat als Ziel, diesen Kindern zu helfen. Kinder werden eingeladen,
sich in verschiedenen Clubs zu treffen: Kunst, Musik, Sport, Karate, Umweltschutz
sind einige dieser Angebote, die wir ihnen je nach Begabung und Vorliebe
machen können. Alle diese Clubs zielen darauf, Räume zu schaffen,
in denen Emotionen, Ängste oder einfach Gedanken und Hoffnungen der
Kinder ausgedrückt werden können.
Br. Thomas: Nach der Rückkehr Ende 1945 in die zerstörte
Stadt Saarbrücken begann eine Zeit von Hunger und Entbehrungen. Wir
fanden nie Zeit zum Spielen, da mein Bruder (11) und ich (10) mit meinem
Vater zusehen mussten, dass unsere Familie mit sieben Kindern Essen auf
den Tisch bekam. Inzwischen wurde Saarbrücken zur Landeshauptstadt
eines Landes mit einer eigenen Autonomie namens Saarland. Wir waren jetzt
das Land zwischen Deutschland und Frankreich. Wir blieben ein Zankapfel
zwischen diesen beiden Staaten. In diese Epoche fiel meine Gymnasialzeit.
Aller Krieg und aller nationaler Streit waren mir bald leid. Immer wieder
sollte ich Farbe bekennen, ob ich deutschfreundlich oder frankophil (franzosenfreundlich)
sei. Doch ich identifizierte mich bald als Saarländer und wollte
schon früh ein Europäer im einen geeinten Europa sein. In dieser
Zeit entwickelte sich über unsere Grenzen hinweg eine Gruppe der
Europajugend, mit der ich sympathisierte. Es solle keine Grenzen mehr
geben, die die Menschen trennten.
Und nun bin ich in ein Land gekommen, in dem die Grenzen neu errichtet
werden und Städte und Dörfer eingemauert werden. Welche Gefühle
lösen diese täglich Erfahrungen bei Dir und den Menschen in
Betlehem aus?
Mitri Raheb: Das Schlimmste ist natürlich die Mauer, die Israel
um unsere Städte und Dörfer in der Westbank baut und schon gebaut
hat. Wenn diese fertig gestellt ist, wird sie ungefähr 750 km lang
sein und im Durchschnitt neun Meter hoch. Bethlehem wird gerade in ein
großes Gefängnis verwandelt: eine fünfzig Kilometer lange
Mauer wird die Stadt umringen. Es wird nur drei Tore geben, die von Israel
kontrolliert werden. Die Menschen können nicht glauben, dass so etwas
im 21. Jahrhundert möglich ist. Sie können nicht begreifen,
dass Menschen aus der Geschichte nichts gelernt haben, dass Mauern keine
Lösungen bieten.
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Detail der Betlehemer Mauer.
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Br. Thomas: Nach meiner Ankunft im Heiligen Land 1990 kam ich wieder
in eine Welt, die von täglicher Ungerechtigkeit und Unrecht geprägt
war und ist. Meine Vergangenheit hatte mich im Nahen Osten wieder eingeholt.
Öfter wurde ich Zeuge von Unrecht und Willkür beim Gehen durch
die Altstadt Jerusalem und Ost-Jerusalem und erst recht in der sog. Westbank
mit Betlehem. Ich erfuhr, dass im Heiligen Land nicht alle gleich sind.
Palästinenser hatten kaum Rechte. Eine bittere Erfahrung für
mich. Ohnmächtige Wut kam in mir auf, wenn ich zusehen musste, wie
Unrecht geschah. Auf diesem meinem Hintergrund traf ich auf Dich in Betlehem.
Du strahltest Hoffnung auf Friede und Gerechtigkeit aus und hattest Visionen,
etwas dafür zu tun und nicht abzuwarten, bis sich irgendwann die
Situation verändern würde. Woher hast Du damals Deine Zuversicht
gewonnen, als Du noch am Anfang Deines Dienstes als Pfarrer standest?
Mitri Raheb: Natürlich werde ich sehr oft wütend über
diese Ungerechtigkeiten, die zum Himmel schreien. Aber für mich gilt
eins: Man darf zornig sein, aber das allein hilft nicht. Ich musste über
Jahre die Kunst lernen, diese Gefühle des Zorns in etwas Konstruktives
zu verwandeln. Wie ich in einem Interview zum CNN mal gesagt habe: Jedesmal
wenn ich zornig werde, dann beginne ich ein neues Projekt. Für mich
hat das nicht nur mit menschlichen Einsichten zu tun, sondern mit meinem
christlichen Glauben. Dieser Glaube ist ein denkender Glaube, der aber
sich engagiert für das, was dem Reich Gottes dient.
Hoffnung im Jahr 2000
Br. Thomas: Die Zeit nach dem ersten Golfkrieg schien
Dich zu bestätigen. Zeichen für Friede und Versöhnung wurden
in Oslo gesetzt. Feinde wie Rabin und Arafat reichten sich vor dem Weißen
Haus in Washington die Hände. Jahre der Hoffnung hatten begonnen.
Betlehem bereitete sich auf das Jubeljahr 2000 vor. Jahre der Restaurierungen
und Renovierungen mit internationaler Hilfe prägten das Gesicht Betlehems.
Gerne kam ich in dieser Zeit in die Geburtsstadt Jesu. Hier wurde bei
Bau- und Restaurierungsarbeiten Hoffnung greifbar und sichtbar.
Ein Höhepunkt für Betlehem war der Besuch von Papst Johannes
Paul II. im März 2000. "Fürchtet euch nicht!" rief
er auf dem Krippenplatz den Menschen zu. Ich war in dieser Stunde auf
dem Krippenplatz davon überzeugt, jetzt seien Frieden und Versöhnung
zwischen Israel und Palästina nicht mehr fern. - Ein Höhepunkt
war für Dich, Deine Gemeinde und die Stadt Betlehem die Grundsteinlegung
neben der Weihnachtskirche für das internationale Zentrum durch den
finnischen Staatspräsidenten. - Wie beurteilst Du heute die Entwicklung
nach dem ersten Golfkrieg bis zum Jahre 2000?
Mitri Raheb: Es war zum einen eine Zeit, in der Friede das Heilige Land
heimgesucht hatte, in der aber die Politiker auf beiden Seiten diese Chance
vertan haben, indem sie nicht erkannt haben, was zum Frieden dient. Denn
Israel hat nach Oslo weiterhin illegale Siedlungen gebaut, die Palästinenser
schikaniert und Jerusalem judaisiert. Einige palästinensische Gruppen
veranlassten junge Leute sich in die Luft zu sprengen. Dadurch hatten
sie das Vertrauen der israelischen Bevölkerung in Frieden mit den
Palästinensern zerstört.
Anderseits war es eine Zeit des Aufbruchs. Gerade in Bethlehem wurde viel
gebaut und renoviert. Einige begannen in die Stadt zu investieren. Alles
schien gut zu laufen. Doch es war nicht auf Felsen gebaut und konnte deswegen
dem ersten großen Sturm nicht standhalten.
und neue Zweifel
Br. Thomas: Was sich als stille oder auch offene
Hoffnung über diese Zeit zwischen erstem Golfkrieg und dem Jahr 2000
aufgebaut hatte, war am 28. September 2000 mit einem Schlag zunichte,
als Ariel Sharon mit einem großen Polizeiaufgebot den Haram-al-Sharif
betrat. Die zarte Pflanze "Frieden", die nach dem Besuch von
Papst Johannes Paul II. in Betlehem und an der Westmauer in Jerusalem
zu blühen begonnen hatte, war mit diesem unseligen Besuch auf dem
Tempelberg niedergetreten. Die Folgen ließen nicht lange auf sich
warten. Die zweite Intifada brach schlimmer als die erste aus. Jetzt flogen
keine Steine mehr, jetzt wurde auf beiden Seiten scharf geschossen, wenn
auch mit ungleichen Waffen. Ausgangssperren wurden verhängt und die
Situation verschärfte sich bis zum Jahr 2002. Nach Ostern 2002 begann
die Belagerung Betlehems mit der Geburtskirche. Vom Zion konnten wir die
Schiessereien in Betlehem verfolgen. In unserer Ohnmacht setzten sich
einige von uns Mönchen zusammen in dem Bewusstsein, dass wir doch
nicht stille Zuhörer und Zuschauer sein können. Wir müssten
etwas tun! Aber was? Wir schlossen uns dem Protestmarsch der Kirchen zum
Amtssitz des jetzigen Premierministers Sharon an, zu dem die Franziskaner
aufgerufen hatten und ließen täglich um 15.00 Uhr die Glocken
unserer Dormitio-Basilika läuten und luden alle christlichen Kirchen
ein, es ebenso zu tun. Zur Sterbestunde Jesu versammelten wir uns bis
zum Ende der Belagerung der Geburtskirche täglich zum Friedensgebet
in unserer Kirche. Danach setzten wir bis heute täglich das Gebet
für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung im Heiligen Land jeweils
um die Mittagzeit fort. Am Samstagnachmittag lädt die Abtei zur Sterbestunde
Jesu eine halbe Stunde zum stillen Gebet für Frieden und Gerechtigkeit
im Heiligen Land ein.
Während der Belagerungszeit 2002 hast Du die bittersten Erfahrungen
Deines Lebens durchstehen müssen. Todesängste überfielen
Dich und Deine Familie. Dein Lebenswerk, das fast fertig gestellte neue
Zentrum, wurde mutwillig vom Militär heimgesucht. Wir erfuhren davon
in unserer Abtei und versuchten öfters Dich anzurufen, um Dir unsere
Solidarität zu erklären. Es war nicht immer von Erfolg gekrönt.
Direkt nach dem Rückzug des Militärs von der Geburtskirche machten
sich Br. Ralph und ich auf den Weg, Dich in Betlehem zu besuchen. Wir
wurden Augenzeugen, wie sinnlos und mutwillig in dem neuen Zentrum gehaust
wurde. Wie immer braute sich in mir ohnmächtige Wut zusammen. Umso
erstaunlicher Deine Gelassenheit und überraschende Hoffnung! Du sprachst
zu uns über den deutschen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, dessen Schriften
Du in diesen schwierigen Tagen gelesen habest und die Dir geholfen hätten,
als Christ mit der aussichtslosen Situation umzugehen. Deine Einstellung
hat mich tief beeindruckt und mir selbst Mut gemacht, dass wir in unserer
christlichen Existenz tiefe Quellen der Hoffnung haben, aus denen wir
immer wieder schöpfen können.
Wie beurteilst Du aus der derzeitigen Perspektive diesen Abschnitt der
Geschichte?
Mitri Raheb: Diese Stunden und Tage im April 2002 waren die schwersten
meines Lebens. Nicht nur weil vieles, was wir so mühselig und über
viele Jahre aufgebaut haben, innerhalb von wenigen Stunden zerstört
worden war, sondern auch weil wir um unsere eigenes Leben fürchten
mussten. Es war nicht klar, ob wir diese Invasion überhaupt überleben
würden.
Dietrich Bonhoeffer war mir in dieser Zeit sehr wichtig: Ich lernte, jeden
Tag aus der Hand des Herrn dankbar anzunehmen, als ob er unser letzter
wäre, und dennoch an der Zukunft festzuhalten, als ob das Beste noch
kommen würde.
Wenn einem so etwas in einer derartigen Situation geschenkt wurde, dann
ist es Gottes Gnade, die am Wirken ist. Diese Erfahrung habe ich übrigens
in meinem neuen Buch ausführlich geschildert: "Bethlehem hinter
Mauern. Geschichten der Hoffnung aus einem belagerten Stadt".
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Nahe bei Ramallah liegt das biblische "Bet
El". Schon in den 20er Jahren haben die Mönche dort ein
Grundstück gekauft, das bislang noch - auch wegen der politischen
Entwicklungen - ungenutzt liegt. Im September haben Br. Thomas,
P. Paulus, Br. Antonius und Volontärin Juliane Funkel das Grundstück
besucht und mit unseren dortigen Nachbarn gesprochen.
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Br. Thomas: Den Wiederaufbau hast Du dann trotz der bestehenden
zweiten Intifada mit Hoffnung und Energie vorangetrieben. Du wolltest
sichtbare Zeichen der Hoffnung setzen. Es war fast ein Wunder, dass Du
dann am 1. September 2003 das "Internationale Zentrum Betlehem"
in einem großen Festakt einweihen konntest. Es war ein Fest, das
alle Gewalt und Terror für einen Augenblick vergessen ließ,
ein friedvolles und frohes Fest. Eine Insel eines heilsamen Friedens ist
mit dem internationalen Zentrum mitten in der Intifada in Betlehem entstanden.
Hier können Kinder, Heranwachsende und Erwachsene lernen, Hass, Ängste
und erlittene Traumata zu überwinden. Kreatives Handeln soll alle
Aggression in positive Kräfte umwandeln.
Um die Geburtsstadt Jesu zieht sich jetzt wie ein Bandwurm das Monstrum
einer hohen Mauer. Bei meinem Besuch im Mai diesen Jahres hat mir der
Anblick der Mauer fast den Atem geraubt. Wie soll das jetzt weiter gehen?
Wo hat der Friede noch eine Chance? Sicherlich sind in der Geschichte
bis jetzt immer wieder Mauern gefallen. Die Berliner Mauer hat vierzig
Jahre überdauert, bis sie fiel.
Erneut bist Du mit Deinem Team im Zentrum der ummauerten Stadt herausgefordert.
Im Psalm 18,30 beten wir zwar: "Mit meinem Gott überspringe
ich Mauern!" Sicherlich geht ein Psalmvers schneller über die
Lippen, als dass ein solcher Sprung ohne weiteres gewagt und realisiert
werden kann. Siehst Du unter diesen Umständen noch eine Chance für
Frieden und Versöhnung zwischen Israel und Palästina in naher
Zukunft?
Mitri Raheb: Ich bin überhaupt nicht optimistisch, aber ich
halte an der Hoffnung fest und in Zeiten des Krieges daran festzuhalten,
gibt dem Wort Hoffnung eine neue Bedeutung. Sie ist nicht etwas, was wir
sehen, sondern etwas was wir ausüben, etwas, was wir leben, wofür
wir uns einsetzen, etwas das wir pflanzen. Manchmal, wenn wir das Gefühl
haben, dass die Welt morgen unterzugehen droht, dann besteht unsere Berufung
nicht darin zu warten, zu weinen oder uns zu unterwerfen. Vielmehr ist
es unsere einzige Hoffnung, heute raus in den Garten zu gehen, in unsere
Gesellschaft, und einen Olivenbaum zu pflanzen. Denn wenn wir heute nichts
pflanzen, wächst morgen nichts. Aber wenn wir heute einen Olivenbaum
pflanzen, wird es morgen Schatten geben, unter dem die Kinder spielen
können, dann wird es Öl geben, das Wunden heilt. Es wird Olivenzweige
geben, mit denen wir winken können, wenn der Friede kommt.
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Oliven: Die Bäume wachsen auf beiden Seiten
der Mauer, ihre Früchte sind aus der Küche des Heiligen
Landes nicht wegzudenken.
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Br. Thomas: Lieber Mitri! Fünfzehn Jahre Geschichte im Heiligen
Land, eine Geschichte, die die Entwicklung im Nahen Osten über ein
Jahrzehnt widerspiegelt. Leid- und Mut-mach-Geschichten ereignen sich
paradoxerweise in dieser Zeit dicht nebeneinander. Oft vermischen sie
sich sogar miteinander. Ich beobachte jetzt von Hildesheim in Deutschland
aus die Entwicklungen in Jerusalem, Betlehem und im ganzen Heiligen Land.
Ich versuche mit meinen Brüdern, Informationen über die Situation
in der nahöstlichen Region in Begegnungen mit Gruppen und Einzelpersonen
weiterzugeben. Leider stoßen wir dabei mitunter auf eine ungeahnte
Ignoranz. Über die Jahre ist das Interesse für den israelisch-palästinensischen
Konflikt verloren gegangen. Wir wollen von Hildesheim aus dafür Sorge
tragen, dass die Konflikte im Heiligen Land nicht aus den Augen der Menschen
verloren gehen. Wir wollen weiterhin mit Dir auf Frieden und Gerechtigkeit
für alle hoffen und darum beten.
Mitri, ich danke Dir für dieses Gespräch!
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